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Jahrhundertmensch

Tine Rahel Völcker: Der fliegende Mensch

Premiere:  (UA)   Theater: Anhaltisches Theater Dessau
Regie: Andrea Moses 
Von Michael Laages am 25.02.2013

Noch heißen Heizungen „Junkers“; noch kreist gelegentlich über Berlin die letzte „Tante Ju“, das Junkers-Flugzeug Ju 52. Hugo Junkers, geboren 1859 im rheinischen Rheydt und nach der Ausbildung in Aachen zunächst einer der weltweit geschätztesten Erfinder in der Thermo-Technik, betrieb im anhaltischen Dessau Europas größtes Flugzeugwerk. Das Liniennetz seiner Maschinen reichte 1925 von Genf bis Oslo, von London bis Budapest. Auch davon erzählt jetzt in Dessau die Dramatikerin Tine Rahel Völcker auf der Bauhaus-Bühne – unter dem Titel „Der fliegende Mensch“.

Als das Bauhaus, 1924 aus Weimar vertrieben, in Dessau ankam, war Junkers schon da – und stand im Zenith als unabhängiger Flugzeugbauer, weil er riskante Geschäfte mit der Reichswehr betrieb. Dabei hasste der Industrielle und Forscher den Krieg – warum ein Flugzeug bauen, damit es kurz darauf verbrennt? Hohn der Technik! Als die Reichswehr nichts mehr wissen wollte von den Deals, war Junkers pleite. Bosch übernahm die Thermo-Produktion, die Flug-Linien fusionierten mit dem Aero Lloyd zur „Luft Hansa“. Der Forscher Junkers rettete das Werk in Dessau – und suchte die Nähe zum Bauhaus. Der Künstler Friedrich Höhlsen, im Werk angestellt, entwarf ihm das Signet für die Firma: den mit gespreizten Flügel-Armen fliegenden Menschen.

Derweil kriselte es in der Familie des 12fachen Vaters – Tochter Hertha, politisch sehr links, wanderte aus nach Amerika; der Zweitgeborene Klaus, das „schwarze Schaf“, wollte zeitweilig Tänzer werden – und wurde von den Nazis 1933 als Vaters Nachfolger für die Leitung kriegsvorbereitender Massenproduktion instrumentalisiert. In dieser starken Mischung aus Wirtschafts-, Kultur- und Familien-Geschichte verschränkt die Autorin klug die Ergebnisse der Junkers-Recherche. Regisseurin Andrea Moses, aus Stuttgart an die alte Dessauer Wirkungsstätte zurück gekehrt, kreiert dafür mit Bühnenbildner Karoly Risz eine Art Dauer-Werkstatt – aus Transportkisten wird Material und Personal für’s Spiel hervorgezaubert. Puppenspiel gibt’s auch, und viel Video – sehr lange bleibt das sehr packend.

Dann aber wird Junkers 1933 enteignet und kaltgestellt, zwei Jahre später ist er tot – und das Stück stirbt mit. Hinten dran klebt lokale Recherche-Routine: Wie die Dessauer Synagoge brannte; wie Goebbels das große Theater neu eröffnete; wie in der örtlichen Zuckerfabrik „Zyklon B“ für’s KZ produziert wurde. Mit diesem Dessau-Material rennt Moses nun nur noch offene Türen ein. Dieser Junkers aber, der an Industrie frei von Politik und im Einklang mit der Kunst glaubte, etwa im Bauhaus – der bleibt ein Jahrhundertmensch und zu entdecken.

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