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Italienisch für Liebhaber

Nino Rota: Der Florentinerhut

Premiere: Theater: Musiktheater im Revier
Regie: Sonja Trebes  Musikalische Leitung: Thomas Rimes   Foto: Pedro Malinowski 
Von Andreas Falentin am 20.11.2016

Durch seine über 150 Filmmusiken, darunter Fellinis „La Strada“ und „Dolce Vita“, Viscontis „Leopard“ und Coppolas „Pate“ ist Nino Rota (1911-79) vermutlich einer der weltweit bekanntesten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Dass er auch für die Opernbühne komponierte, ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. 1944/45 entstand „Der Florentinerhut“ nach einer seinerzeit populären französischen Salonkomödie von Eugène Labiche, die 1928 von Rene Clair und 1939 von Wolfgang Liebeneiner (mit Heinz Rühmann) auch verfilmt wurde.

Das titelgebende Utensil wird von einem Pferd gefressen, dessen Besitzer eigentlich am selben Tag heiraten will, was er nach diversen absurden, durch Versuche zur Wiederbeschaffung der Kopfbedeckung ausgelösten Verwicklungen schließlich auch darf. Rota hat hierfür gut zwei Stunden Musik geschrieben, die sich an nahezu der kompletten Musikgeschichte gütlich tun - vor allem an Mozart und Puccini, aber auch Monteverdi, Wagner, Rossini und Bizet bekommen immer wieder ihr Fett weg. Dabei gebricht es Rota keinesfalls an eigenen Kompositionseinfällen. Er nutzt die Technik des Zitierens, um die Komödienmechanik zu etablieren und durchzuführen, vor allem aber als erzählerisches Distanzmittel, schaut so von oben auf seine Figuren, ohne sie je zu denunzieren. Das Ergebnis ist sicher kein Stück für die Ewigkeit, aber durchaus eins für einen beschwingten Abend auf ordentlichem Niveau.

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Nicht nur, aber besonders im Musiktheater gilt: Komödie kann nur spielen, wer Komödie spielen kann. Das Musiktheater im Revier kann dieses Stück spielen. Sonja Trebes bereichert die Handlung um viele kleine und große Gags, die sich aber nie vor die souverän erzählte Story stellen. Vor allem aber führt sie den oft individualisierten Chor und das ungeheuer spielfreudige Ensemble zu geradezu entfesselter Körperlichkeit. Das Timing ist bestrahlt, selbst die Slapstickelemente gleiten nie ins Nirwana uninteressanter Belanglosigkeit ab. Alles ist geerdete Lebensfreude. Nostalgisch denkt man an italienische Komödien der 50er, in denen Sophia Loren als over-the-top-Vollweib durch Neapels Straßen stiefelt. Dirk Becker hat mit gar nicht mal großem Aufwand eine Bühne gebaut, die die vielen unterschiedlichen Schauplätze mühelos in Theaterräume verwandelt, ohne je in die Realismusfalle zu tappen. Zusätzlich zieht er scheinbar mühelos etliche nette Special Effects aus dem Ausstattungs-Hut. Auch die Formen und Farben der Kostüme von Julia Reindell haben ihre ganz eigene, fröhliche Magie und ordnen sich doch der Erzählung unter. Selbst die etwas verschrobene Idee des Intendanten Michael Schulz, die Exposition mit dem an deutschen Bühnen noch nie gespielten musikalischen Sketch „die Fahrschule“ zu unterfüttern, weil jener 1959, im Eröffnungsjahr des MIR, uraufgeführt wurde, stellt das Regieteam nicht vor unlösbare Probleme.

Dass dieser ungewöhnliche Abend so schwerelos unterhaltsam gerät, liegt natürlich auch am Dirigenten Thomas Rimes, der die Neue Philharmonie Westfalen während der „Fahrschule“ noch auf die für diese Partitur notwendige Eleganz, auf den notwendig funkelnden, nie zu lauten Esprit einzuschwören scheint. Ab der eigentlichen Ouverture fließen die vielen kleinen Klangeffekte und melodischen Einfälle wie selbstverständlich ineinander, lächelt die Zitatenmaschine unwiderstehlich charmant, in dieser Disziplin noch übertroffen vom, von Hausneuling Ibrahim Yesilay mit flexiblem und höhenstarkem Tenor angeführten, gastlosen Ensemble. Das fantastische Engagement aller Beteiligten an diesem Abend ist mit Worten schwer beschreibbar. Besonders begeistert, wie bewusst hier mit der italienischen Sprache umgegangen wird. Die gewaltigen, oft in Parlandoform unters Volk zu bringenden Textmassen werden auf eine Weise bewusst und wortverständlich musikalisch artikuliert, wie ich das auf einer deutschen Bühne in italienischer Sprache noch nie vernommen habe. Einziges Manko: das Premierenpublikum hätte beim Schlussapplaus durchaus ein wenig mehr ausrasten dürfen.   

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