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Hier tanzt der Bär

Peter I. Tschaikowsky: Eugen Onegin

MusiktheaterPremiere: Theater: De Nederlandse Opera
Regie: Stefan Herheim  Musikalische Leitung: Mariss Jansons   Foto: Forster 
Von Joachim Lange am 20.06.2011

Dass in Tschaikowskis lyrischen Szenen nach Puschkins Poem die Tatjana am Ende zur Fürstin und treuen Ehefrau wird und so ihre Leidenschaft für Onegin bändigt; und dass dieser Onegin weder mit der Liebe Tatjanas oder der Zuneigung seines Freundes Lenski noch mit sich selbst klar kommt und fpolglich scheitert – das konnte Tschaikowski wegen des ständigen Zwangs nicht mit seiner Homosexualität aufzufliegen, besser nachvollziehen, als ihm lieb war.

Stefan Herheim erzählt die Geschichte vom Moment des Wiedersehens zwischen Onegin und Tatjana auf dem Ball in Bildern der Erinnerung. Philipp Fürhofer hat ihm dazu ein Prachtfoyer mit marmoriertem Edelschick gebaut. Durch einen gläsernen Pavillon mit Schiebewänden im Zentrum brechen die Erinnerungen Onegins und Tatjanas ein. Am Ende verschwindet sie mit Gremin im Lift, während Onegin nicht nur verzweifelt zurückbleibt, sondern vom Fürsten vor versammelter Mannschaft lächerlich gemacht wird. Er hatte ihm nämlich einen Revolver in die Hand gedrückt, aus dem er vorher die Patronen entnommen hatte. Sieht aus wie russisches Roulette als Party-Gag bei den Oligarchen von heute – ohne Tote, aber mit mentalem Kollateralschaden.

In Gesine Völlms opulenter Kostümpracht bringt Herheim seine gut geölte Opernmaschinerie wie immer auf Touren. Dabei marschiert die russische Geschichte in Chorstärke auf: es gibt zaristische Uniformen und Helden der Sowjetzeit, die reaktivierte orthodoxe Pracht des nachsowjetischen Russlands samt russischem Bären und Folklore. Und doch bleibt das alles potemkinsches Jubel-Personal der russischen Selbstdarstellung, obwohl Lenski zum Duell mit bewaffneten Rotarmisten angerückt war und zum tödlichen Schuss der Terror der Revolution aufscheint. Wenn sich die Inszenierung auf das Verhältnis von Glück und Gewöhnung, also den Diskurs über die Art, wie man leben kann, konzentriert, ist sie ein stimmiges, opulentes Kammerspiel. Aber es wird auch gekalauert und dabei nicht nur Monsieur Triquets Perücke abgefackelt, bis dann das russische-sowjetisch-postsowjetische Personalkarussell Gremins große Arie bebildert, also aushebelt. Herheims Problem ist nicht der Mangel an Phantasie, sondern ihr Maß.

Musikalisch herrschte Topniveau: Mariss Jansons glänzte mit dem Concertgebouw Orchester –souverän, mit Leidenschaft ohne Schwulst, lyrischer Raffinesse und dramatischen Furor. Erstklassig waren nicht nur die Tatjana von Krassimira Stoyanova und der Onegin von Bo Skovhus oder Andrej Dunaevs Lenski. Auch der Jubel für alle anderen war berechtigt. Nur Herheim musste auch ein paar Buhs kassieren.

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