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Herzenskälte, virtuos ausgespielt

Thomas Bernhard: Am Ziel

SchauspielPremiere: Theater: Zimmertheater Tübingen
Regie: Johannes C. Hoflehner   Foto: Alexander Gonschior 
Von Eckehard Uhlig am 20.10.2017

Obsessionen bestimmen Thomas Bernhards Theaterwelt. Für sein Stück „Am Ziel“ gilt dies in besonderer Weise – auch für Johannes C. Hoflehners sensible Inszenierung am Tübinger Zimmer-Theater. Weil die im Fokus der Handlung stehende pathogene Mutter-Tochter-Beziehung von Nicole Schneider (als Mutter) mit virtuoser Textbehandlung und abgründiger Herzenskälte ausgespielt und von Kim Bormann (als Tochter) in traumverlorener Trance mit kunstvoll gestelzten Unterwerfungsgesten dargestellt wird, gelingt ein theatralisches Meisterwerk.

Seit Jahren fahren Mutter und Tochter zur Sommerfrische ans Meer nach Katwijk. Diesmal auf Einladung der Mutter von einem jungen „dramatischen Schriftsteller“ begleitet, den sie bei der erfolgreichen Premiere seines Erstlingswerkes kennengelernt haben. Er scheint Interesse an den beiden Frauen zu haben und wird ihnen im holländischen Seebad Gesellschaft leisten. Im ersten Akt hat sich die Mutter, bereits reisefertig mit pelzbesetztem Mantel bekleidet, in einem altmodisch bequemen Ohrensessel (Bernhards liebstem Bühnen-Möbel) niedergelassen. Während neben ihr die Tochter in androgynem Outfit (mit weißer Streifenhose und anthrazitfarbenem Rollkragen-Pullover) einen riesigen Reisekoffer mechanisch gleichförmig mit ihrer Garderobe befüllt, gibt das Mutter-Monster bösartige Tiraden über ihre Ehe, ihren verstorbenen Mann und den schon als Kleinkind ebenfalls gestorbenen, verkrüppelten Sohn Richard von sich.

Mit brillanter Sprachkunst und höchster Konzentration gestaltet Schneider ihren anspruchsvollen Part, der gefühlte hundert Prozent des Textes umfasst – fein differenziert, was Lautstärke, Sprechtempo, Klang und Ausdruckskraft betrifft. Sie hat nur wegen des Geldes und seines herrlichen Ferienhauses am Meer einen vermögenden „Gusswerk“-Besitzer geheiratet und sich, aus kleinen Verhältnissen kommend, eine aufgesetzte Großbürgerlichkeit zugelegt. „Gusswerk“ ist das einzige Wort ihrer endlosen Sprach-Kaskade, das sie liebevoll ausspricht, ja mit geradezu erotischem Genuss artikuliert. Sonst klingt alles nach Hass und Verachtung, vor allem die spöttisch wiederholte Lieblingsfloskel ihres Gatten: „Ende gut, alles gut“.

Doch nichts ist am Ende gut, nur geographisch gelangt man im 2.Akt zu dritt ans Ziel. Die Tochter wird auch im Strandhaus nicht nur verbal gedemütigt und gequält. Will sie sich mit Hilfe des jetzt anwesenden Theater-Autors von der Mutter emanzipieren? Immerhin scheint der Ton ihrer minimalistischen Entgegnungen auf deren herrische Befehle nun von aufmüpfiger Qualität. Jedenfalls projizieren die Damen auf den Nachwuchs-Schriftsteller ihre geheimsten Sehnsüchte. Den gibt Paul Schaeffer als bramarbasierenden Intellektuellen, der mit gewagten Theorien attackiert und sportivem Charme beeindruckt. Doch der Titel seines Erfolgs-Schauspiels „Rette sich, wer kann!“ deutet sinnfällig den tatsächlichen Zustand der Dreier-Beziehungskiste. Mit ihrer Egomanie („Ich habe meine Tochter für mich auf die Welt gebracht!“) und ihrer Häme (heutiges Theater ist Dreck auf der Bühne) vernichtet die Mutter, vom ständigen Griff nach der Cognac-Karaffe beflügelt, erhoffte Abenteuer der galanten Art.

Bernhards Zynismen und die inhuman instrumentalisierende Behandlung seiner namenlosen, auf der Bühne im Tübinger Zimmertheater stil- und pointensicher platzierten Protagonisten, werden vom Publikum goutiert und mit Humor ertragen. Denn sie sind von befreiender Selbstironie unterfüttert.

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