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Hamlet brennt!

E. L. Karhu: Prinzessin Hamlet

Premiere:  (DSE)   Theater: Schauspiel Leipzig
Regie: Lucia Bihler   Foto: Rolf Arnold 
Von Thilo Körting am 01.12.2017

Wie im Partykoma liegen fünf in Marilyn-Monroe-Kostüme gezwängte Schauspieler und Schauspielerinnen im stilvoll eingerichteten 60er Jahre Zimmer. Alles ist aufeinander abgestimmt, sogar die Kleider passen zu den jeweiligen Farbflächen – bis eine der Monroes erwacht. Sie biegt die Darsteller in extrovertierte Posen. Währenddessen erklärt sie, dass sie nicht die titelgebende Prinzessin sei, sondern deren beste Freundin Horatia. Nach und nach behaupten das auch alle anderen, bis eine sich schließlich bockig auf das Bett schmeißt: Sie will nicht Hamlet sein.

Mit „Prinzessin Hamlet“ beschließt das Leipziger Schauspiel seinen Eröffnungsreigen in der kleinen Spielstätte „Diskothek“, in der nach der Neugestaltung auch deutsche Erstaufführungen gezeigt werden sollen. Mit der in Finnland gefeierten, im deutschsprachigen Raum aber noch nie gespielten E.L. Karhu hat das Schauspiel eine gute Wahl getroffen.

„Prinzessin Hamlet“ geht allerdings über eine Shakespeare-Überschreibung hinaus. Die Tragödie diente Karhu eher als Inspiration für ein eigenes Stück mit aktuellem Konflikt. Bei ihr wird Hamlet zu einer Prinzessin, zu einer Frau, die sich den Zuschreibungen und Erwartungen verweigern will. Vollkommen ausgebrannt verliert sie die Kraft weiterzuleben und ihre Kleider drücken sie zu Boden. Die Schauspieler beschreiben immer wieder, wie sie von einem Felsen fällt – mal ist sie gesprungen, mal wird sie gestoßen. Aber das genau ist auch ihr Ziel: Sie will sich anzünden, in den Tod stürzen und damit ein Zeichen setzen – der Angst entkommen. Ständig wird das Stück von einem Satz unterbrochen, der wie ein Symbol für Hamlets Depressionen steht:

DAS ENTSETZEN SCHIEBT DER PRINZESSIN DIE HAND IN DIE KEHLE UND BALLT DIE HAND ZUR FAUST.

So wird die psychische Zerbrechlichkeit zum eigentlich Thema des Stücks: die Unfähigkeit, den Normen und Anforderungen zu entsprechen, dem Bild der staatstragenden Prinzessin oder einfach nur als Frau gut auszusehen. Die Prinzessin ist von ihrer Rolle so erschöpft, wie der Hamlet in Müllers „Hamletmaschine“ („Ich bin nicht Hamlet.“) und so getrieben, so zerrüttet, wie bei der englische Dramatikerin Sarah Kane („BIG BEN SCHLÄGT 4.48“).

Die Leipziger Regisseurin Lucia Bihler hat für diese Verzweiflung einen starken Ansatz entwickelt: Ihre Schauspieler (die als Ensemble so gut funktionieren, dass man alle nennen möchte: Anna Keil, Tilo Krügel, Bettina Schmidt, Alina-Katharin Heipe, Andreas Dyszewski) sehen aus wie das Hollywoodsternchen Marilyn Monroe, die wohl unter einem ähnlichen gesellschaftlichen Druck litt. Dafür verzichtet die Inszenierung komplett auf klare Figurenaufteilung: So sind manchmal alle Prinzessin Hamlet, manchmal steht eine allein vier Horatias gegenüber. Sie werfen sich die Textzeilen zu oder sprechen im Chor.

Jede Figur hat dafür ihre eigene, beinahe puppenhafte Körperhaltung: die gebärende Mutter Gertrud mit nach vorne geschobenem Becken, Horatia mit ängstlich hochgezogenen Schultern. Und Prinzessin Hamlet wird immer wieder in Posen der Marilyn Monroe gezwungen. Auf diese Weise entstehen immer wieder neue Figurenkonstellationen auf der Bühne, in denen die Schauspieler mal einfach nur ihren Text spielen, mal in verzerrter Stimme Regieanweisungen deklamieren:

PRINZESSIN HAMLET AUF DEM FELSEN. PRINZESSIN HAMLET ZÜNDET SICH AN. PRINZESSIN HAMLET BRENNT WIE EINE FACKEL.

Lucia Bihler und ihr Team entwickeln starke Bilder: Die von Josa Marx gestaltete Bühne deutet an, dass Weiblichkeit auch immer aufgedrückt wird. Unterbrochen werden diese rosa Mädchenträume von Jan Rostrons hervorragend beklemmender Musik. Die Regie lässt viel Raum für humorige Momente, die aber die Tragik nicht untergraben, wenngleich durch die Deklamation von Regieanweisungen auch Längen entstehen. So fragt der Abend beständig danach, wie (Geschlechter-)Identitäten oder soziale Rollen entstehen oder erzwungen werden – ohne dabei mit komplexen Erklärungsversuchen um sich zu werfen. Stattdessen erzeugt er ein nachdrückliches Gefühl dafür, wie es ist, unter der Last der gesellschaftlichen Erwartungen zusammenzubrechen.

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