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Gymnastische Gruppenexerzitien

nach Knut Hamsun / Henrik Ibsen: Hunger. Peer Gynt

Premiere: Theater: Deutsches Theater Berlin
Regie: Sebastian Hartmann   Foto: Arno Declair 
Von Reinhard Wengierek am 20.10.2018

Dunkel ist das Weltall, und dunkel ist’s im Deutschen Theater. Doch Nebel wallen (allerneueste Maschinerie mit speziellem Fluid). Dann glimmt ein Lichtlein. Dann tobt eine massige Figur in erstaunlicher Ekstase, in zeichenhaftem Auf- und Absturz über die leere Bühne. Bis zum Auftritt von Figur Zwei, die das Wort „Kuboaa!“ röhrt; so wie bei Hamsun der verwahrloste, verelendete, verhungernde, Gott und Welt abhanden gekommene Jungautor in seiner Einsamkeitszelle, der sich mit dieser Wortschöpfung eine neue, geheime, eigene Welt erschaffen will. So geht die Eröffnung von Sebastian Hartmanns dreistündiger Suche nach den „ungewöhnlichen, unterschiedlichen Energien“, die in Ibsens philosophisch-moralischem Drama einer Ich-Findung „Peer Gynt“ von 1867 stecken sowie in Hamsuns Erfolgsroman von 1890, der die Seelendelirien und den Weltekel eines tragikomischen Außenseiters beschreibt.

Hartmann suche jedoch kein Narrativ im Zusammenspann des Ibsen‘schen Ideendramas vom durch die Welt reisenden Peer mit der Psycho-Tour von Hamsuns Elends-Paranoiker ins Innere, die weit vor Proust oder Joyce in einem radikal subjektivem Bewusstseinsstrom erzählt wird. Vielmehr hinterfrage der Regisseur Instinkte, den Umgang von Liebe, Hass und Tod, so die Ansage. Also keine Story, kein Drama, keine Figuren, vielmehr zehn Spieler (genderkorrekt 50:50), die allerhand Textschnipsel (vor der Pause Hamsun, danach Ibsen) in überwiegend freilich gekonnt erregtem Gestus hersagen oder geheimnisumwölkt flüstern. Dabei war doch – wieder Hartmanns Verlautbarung – die einzige Vereinbarung, miteinander zu spielen sowie obendrein ein großformatiges Bild zu malen, für das Tilo Baumgärtel die Vorlage schuf.

Doch das Zusammenspiel reduzierte sich in praxi auf gymnastische Gruppenexerzitien sowie kollektives Pinselschwingen (teils auf atemberaubend hoher Leiter), derweil man im Vordergrund monologisierte. Doch die Schnipsel, das Erregte oder Geflüsterte, die Schatten, der unentwegte Grummel-Säusel-Dröhn-Sound, die mit Video überblendete, immerhin hübsch anzuschauende, abstrakt verkleckerte Schwarz-Weiß-Malerei (changierend zwischen Idyllischem, Urwüchsigem und Apokalyptischem), das alles animierte das Publikum nicht zur gewünschten „Begegnung mit den Kräften und Abgründen, die unsere Existenz prägen, aber unserer Ratio entgehen“. Zusammenhanglos performative Wortakrobatik, Pinselartistik und effekthaschende Körperverrenkungen allein packen nicht wirklich, bleiben artifizielles oder krass gesagt anämisches Liebhaber-Entertainment. Wenn da auch von Wahnsinn, Verzweiflung, Scham, Liebessehnsucht, Hoffnung, Angst, Vertrauensverlust, Gottlosigkeit, Not und Einsamkeit knapp gefasst die Rede ist, sie zündet nicht. Versackt im rein Rhetorischen, in bloß räsonierender Behauptung. Zuweilen mit fatalen Einschlägen ins Esoterische, Bewegungs- und Maltherapeutische – angestrengt bedeutungshubernd aufgeladen. Leute, die womöglich weder Hamsun noch Ibsen kennen, mögen sich an diversen Effekten und Reizworten in der Wiederholungsschleife delektieren und sich dabei ein bisschen vorkommen wie bei einer Show im Berliner Großclub Berghain. Die Solisten von Adriana Braga Paretzki edel schwarz, gelegentlich in kostbar brautkleidweiß gewandet; unbedeckte Körperteile, abgesehen vom Gesicht, grandios tätowiert; die Maske provoziert den Neid jedes Tattoo-Studios.

Hartmann, inzwischen 50, tapfer trotziger Romantiker aus Sachsen, ansonsten sympathisch verbissener Menschenverbesserer, gern dramatischer Berserker, gelegentlich auch opernpompöser Monumentalist neuerdings etwa als Verächter eines Theaters, das als Gefühlskraftwerk auftritt, ohne dabei der Denkfabrik abzuschwören? Früher brachte er beides überwältigend in eins. Ein besinnlicher Blick zurück nach vorn wäre anzuraten. Zum Schluss der arg länglichen Veranstaltung hockt ein Peer am Boden im Regen, sein Grab vermessend. Ein richtiges, ein schönes Bild, das aber diesen exquisit vernebelten Bühnenbetrieb mit beschränkter Kommunikation auch nicht mehr hochreißt.

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