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Große, k(l)eine Oper…

nach Giacomo Meyerbeer: L’Africaine, (Versöhnung)

Premiere:  (UA)   Theater: Oper Halle
Regie: Thomas Goerge, Lionel Pountaire Somé  Musikalische Leitung: Michael Wendeberg   Foto: Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Falk Wenzel 
Fotos und weitere Informationen auf der Homepage der Oper Halle
Von Joachim Lange am 17.01.2019

Etikettenschwindel ist es jedenfalls nicht, was die Oper Halle hier macht. Denn das absichernde „nach“ steht ausdrücklich oben drüber. „L’Africaine“ nach Giacomo Meyerbeer. Der 1865 posthum uraufgeführte, eigentlich vierstündige Blockbuster (der in einer der Fassungen auch „Vasco da Gama“ heißt) ist ein Filetstück des heute etwas weggedämmerten Grande-opéra-Kanons. Dieses so opulente wie innovative Genre dominierte im 19. Jahrhundert für einige Zeit die Opernwelt. Vor allem von Paris aus, wo man sie erst jetzt (vor kurzem mit Meyerbeers „Hugenotten“ und demnächst mit Berlioz’ „Trojaner“) für sich wiederentdeckt.

In Halle ist es eher eine Befragung, die nur von Ferne mit der konventionellen Opernopulenz zu tun hat, für die der Name Meyerbeer (1791-1864) steht. Ein Projekt, das eine Afrikanisierung – soll heißen Entkolonialisierung – dieser Oper versucht. Auch Sebastian Hannaks Raumbühne Babylon dämpft jede Erwartung an konventionelle Opernopulenz. Michael Wendeberg leitet die Staatskapelle Halle. Wie schon beim ersten Teil des Projektes stehen Matthias Koziorowski (Vasco da Gama), Ludmilla Lokaichuk (Inès), Robert Sellier (Don Alvar) auf der Seite der portugiesischen Welteroberer. Romelia Lichtenstein (Sélica) und Gerd Vogel (Nélesco) auf der der Eroberten. Mit einer Handvoll verbliebener Musiknummern erinnern sie an die erstaunlich hellsichtig konfrontative Konstellation in Euène Scibes Libretto, in der Michael Zehe als Großinquisitor und Brahmane hier wie dort religiöses Öl ins ideologisch flackernde Freund-Feind-Feuer gießt.

Bei dieser Seite des Abends, für dessen Form das Team aus Thomas Goerge, Lionel Poutaire Somé, Abdoul Kadre Traoré und Daniel Angermayr steht, ist der Besucher von Teil 1 (oder der Einführung) klar im Vorteil. Dazwischen geschnitten und dominierend sind freilich jetzt die Beiträge, die auf den Untertitel „Versöhnung“ abzielen. Die afrikanischen Performer um Lionel Poutaire Somé (Schamane) thematisieren im Agit-Prop-Theaterstil das Afrikabild der Europäer und postulieren eine Entkolonialisierung des Denkens. Samt eingefordertem Schuldbekenntnis vor einem „akephalisch regulierten anarchistischen Komitee zur Entkolonialisierung des Geistes“ analog zu den Wahrheitskommissionen, mit denen Nelson Mandela versucht hat, die Verbrechen der Apartheid zu überwinden. Man erfährt Biographisches über Anton Wilhelm Amo (1703-1753). Ein Denkmal für den ersten afrikanischen Philosophen und Rechtswissenschaftler, der einst in Halle studiert hat, steht ein paar Meter vom Opernhaus entfernt. Der Gebrauch des Wortes Neger wird ebenso hinterfragt wie die Anhäufung der Kulturgüter Afrikas in europäischen Museen, inklusive der Forderung nach deren Rückführung. In Einspielern auf den Seitenleinwänden kentern Flüchtlingsboote. Die Performer erinnern in „Rollen“ wie Colonel, Managerin, Ärztin oder Geologe an Fluchtursachen, stellen die Frage nach der Gerechtigkeit. Zu den Fragen, die der Abend nicht stellt, gehört freilich auch die nach der eigenen Verantwortung für funktionierende Gemeinwesen im postkolonialen Afrika von heute.

Als politisch ambitioniertes, Nachdenken und Diskussion anregendes Projekt profitiert dieser zweite Teil in erster Linie vom Engagement seiner Darsteller. Für den Musik-Theater-Abend bleibt die Collage aus Agitproptheater, das auch durch manch eine sperrangelweit offen stehende Tür stürmt, und der Dekonstruktion eines Opern-Erbstückes, das eine kluge Regie auch für sich genommen als ein Stück über globalen Widersprüche und einen Clash der Kulturen lesen könnte, ein Problem. Wenn poetische Textpassagen über die Elemente aus dem ersten Teil wieder auftauchen oder wenn die Afrikaner auf der Bühne für einen Moment ihre eigene Musik beisteuern, dann beginnt man zu ahnen, was eine wirkliche Überschreibung der Oper – und nicht nur eine Diskussion ihres thematischen Umfeldes – für ein Potential haben könnte.

Das Projekt wird am 24./29 März mit „Reinigung“ fortgesetzt und am 21./29. Juni und 7. Juli 2019 mit „Verwandlung“ abgeschlossen. Das von der Kulturstiftung des Bundes geförderte Projekt ist eine Kooperation mit dem Theater Lübeck.

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