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Gierig umschlungen

Azar Mortazavi: Ich wünsch mir eins

Premiere:  (UA)   Theater: Theater Osnabrück
Regie: Annette Pullen   Foto: Uwe Lewandowski 
Von Jens Fischer am 10.12.2012

Kinderwunsch der Frau… das ist für Männer ein Mysterium, hat nichts mit der Lust auf Vaterschaft zu tun, bleibt eine psycho-emotionale Terra incognita. Da kann Mann kaum etwas zu sagen. Aber Theaterstücke gucken. „Ich wünsch mir eins“ ist das präzis geradeaus erzählte Drama betitelt. Autorin Azar Mortazavi, Jahrgang 1984, hat gerade ihr Studium Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim beendet, ist Tochter ein Iraners und einer Deutschen, weiß vom Fremdfühlen als Deutsche in Deutschland. Obwohl ihre Hauptfigur nun die Tochter einer Deutschen und eines Mannes aus „Arabien“ ist und sich nach diesem Land sehnt, in dem sie noch nie war, ergibt sich daraus kein Abend über binationale Partnerschaften, kulturell multiple Identitäten oder gar postmigrantisches Theater. Verhandelt wird der Kinderwunsch einer jungen Frau.

„Fick mir ein Kind“, sagt sie. „Ich mache dir einen Kaffee, dann musst du gehen“, sagt er. Sie, das ist Leila. Ihr Vater kaufte ihr als Kind einmal zehn Kugeln Eis – und tauchte nie wieder auf. Er, das ist Georg, ein arbeitsloser „alter Sack“, Depressionen und Selbstmitleid in Alkohol badend. Wie einen Macho-Unsympathen stellt ihn Regisseurin Annette Pullen auf die Bühne. Erst verblüfft, dann lustvoll stellt Georg fest, wie jung Leila riecht. Bezaubernd schön ist sie eh in ihrem Amy-Winehouse-Design. Und diese irrlichternde Koketterie der Rehaugen, die dann mädchenhaft keck funkeln oder todtraurig ins Leere strahlen. Womit habe ich dich verdient, muffelt er noch, da wackeln schon die drei mit- und gegeneinander verschiebbaren Bühnenbildwände, klatscht nackte Haut an ebensolche. Obwohl Georg deutlich macht, sie nie an einen Ort zu führen, „wo alles besser werden kann“, bleibt Leila, erduldet nicht nur die gewalttätigen Sexakte, genießt sie. Bestraft sich darin für die Abwesenheit des Vaters, ersetzt ihn damit? Macht jedenfalls gleich den nächsten Schritt, bemuttert Georg, geht einkaufen, kocht. Er demütigt sie, schlägt auch mal zu.

Sie kommt immer wieder. „Was willst du hier?“ Wer kennt sie nicht, die Berichte von Frauen, die zu ihren prügelnden, vergewaltigenden Männern zurückkehren. Junkies? Was ist die Droge? Leila sucht Halt, Vertrauen, Gewissheit, sehnt sich nach Familienbande. Dann kommt die Sache mit dem Kind. Die Autorin konfrontiert Leila erstmal mit der Realität: Nachbarin Sybille ist die genervt überforderte, alleinerziehende Mutter. In ihren Gesprächen bestätigen sie alle Vorurteile, die Männer zum Kinderwunsch der Frauen haben: Sie wollen ihre Einsamkeit verlieren, sich gebraucht fühlen, die Leerstelle Vater muss mit etwas zum Liebhaben gefüllt werden, einer nur der Mutter gehörenden, zu beschützenden Kostbarkeit. Und überhaupt: Kinder bleiben, Männer ziehen immer weiter. Der Kinderwunsch scheint so den Anstrengungen geschuldet, in der Gegenwart heimisch zu werden. Andere Frauen kaufen sich erstmal eine Katze, Leila leiht sich Sybilles Sohn, ihren Halbbruder.

Plötzlich taucht beider Erzeuger, Sahid, auf – kommt nicht aus dem gelobten Land, sondern aus dem Knast. Der Wunsch, mit Papa nun nach Arabien zu fliehen, bleibt unerwidert. Sahid lässt seine Kinder erneut sitzen. Leila verlässt das Stück, um weiterzusuchen, ob das Ziel noch „Kind“ heißt, bleibt im Unklaren. Voller Empathie, frei von Sentimentalitäten und theatralem Brimborium inszeniert Annette Pullen die schroffen Kurzszenen, betont den holzschnittartigen Realismus. Das Spiel der beiden Hauptdarsteller Thomas Kienast und Andrea Casabianchi macht die Uraufführung zu einem Ereignis. Wie leidenschaftlich sie sich in die rohen, wenn auch nicht rohdiamantischen Dialoge und kurzen inneren Monologe hineingraben, sich schonungslos in den Rollen verausgaben, als gäbe es kein Morgen, so die Situation zum Glühen bringen, Fremde im eigene Leben zu sein, diese Trostlosigkeit vermitteln, nirgendwo hin und dazu zu gehören – dieses verzweifelte, gierige Umschlingen zweier Verlorener: sehr, sehr beeindruckend.

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