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Geschlossene Gesellschaft inklusive Mythos

Alessandro Scarlatti: Kain und Abel oder der erste Mord

MusiktheaterPremiere: Theater: Aalto-Musiktheater Essen
Regie: Dietrich W. Hilsdorf  Musikalische Leitung: Rubén Dubrovsky   Foto: Matthias Jung/Theater und Philharmonie Essen 
Von Andreas Falentin am 26.01.2020

Alessandro Scarlatti (1660-1725), einst in Venedig, Rom und vor allem Neapel absolut dominierender und höchst erfolgreicher Opernkomponist, kommt heute in deutschen Konzertsälen und vor allem auf deutschen Opernbühnen so gut wie nicht mehr vor. Im Herbst wurde in Berlin „Il primo omicidio“ aufgeführt, keine von Scarlattis etwa 100 Opern, sondern ein Oratorium auf den Stoff der Genesis (und ohne Chor). Jetzt widmet sich die Oper Essen dem fast Vergessenen – und wählt dasselbe Stück.
Zwei Stunden und 20 Minuten dauert die pausenlose Aufführung („Man kommt sonst nicht mehr rein“, erklärte Regisseur Dietrich W. Hilsdorf auf Nachfrage) im Aalto-Theater und wird vom ansonsten durchaus pausenfreudigen Essener Publikum auf eine Weise stürmisch gefeiert, wie sie seit der Ära Stefan Soltesz an diesem Hause kaum mehr zu erleben war.

Dieter Richter hat einen verfallenen Barocksaal gebaut – oder ein verwahrlostes, repräsentatives Museum? Der Ofen wird nicht mehr betrieben, in einer Nische sieht es aus, als hätte es mal gebrannt und den einzigen Blick nach draußen gewährt eine Luke in schwindelnder Höhe. Auf die führt immerhin eine Leiter zu, aber eben nicht bis hin. Großzügig ist dieser Raum, aber ausweglos. Wer ihn verlassen will, muss ins Publikum. Dafür schließt er das Orchester ein, links 15 Streicher, zwei Blockflöten und den Dirigenten, rechts die mit drei Celli, einem Fagott, einem Kontrabass und von Felix Schönherr grandios gehandhabten Cembalo und Orgel durchaus ungewohnt zusammengestellte Continuo-Gruppe. Um diese zieht sich ein Laufsteg, auf der beispielsweise der Mord initiiert wird. Und der Lautenist Andreas Nachtsheim thront, auf der Bühne sitzend, dezent darüber. In der Bühnenmitte sitzt zu Beginn (und am Ende) das sechsköpfige Ensemble an einem Esstisch, von Nicola Reichert in Kostüme (und Haartrachten) gewandet, die auf barocken Vorbildern aufsetzen und Strenge mit Eleganz und Sinnenfreude verbinden.

In diesem klaren, vor allem klare Distanz schaffenden optischen Umfeld legt Dietrich W. Hilsdorf eine zweite Ebene über das mythische Geschehen. Er erzählt „Kain und Abel oder der erste Mord“ – trotz des übersetzten und leicht veränderten Titels wird italienisch gesungen – als Familienaufstellung. Da haben die Eltern Lieblingssöhne (Adam-Kain, Eva-Abel), Gott, der genau wie sein Gegenspieler bei Scarlatti nur als Stimme auftritt, ist eine Art reicher Onkel, der Teufel so etwas wie eine arrogante Schwiegermutter. Erst nach gut der Hälfte der Spielzeit reißt Gott der „Schlange“ das Kostüm herunter und entblättert den Mann hinter der Bosheit.

Sechs Figuren, sechs Menschen lernen wir kennen. Alle handeln selbstbezogen und eigentlich nie nach edlen Motiven. Aber keiner ist uns unsympathisch. Das liegt natürlich an Scarlattis  farbenreicher Musik, die von Rubén Dubrovsky und den sich überraschend barockaffin und –enthusiastisch zeigenden Essener Philharmonikern organisch, vor allem aber mit funkensprühender Vitalität sehr theatralisch dargeboten wird. Besonders im Ohr bleiben Kains Abschiedsarie mit obligater Doppelflöte, das geradezu hexensabbatartige Vorspiel des großen Teufelsauftritts, die elegische Quasi-Auferstehung von Abels Bewusstsein – wie in fast abartig schön gekleidete Stille gehüllter Engelsgesang – und das Schlussduett von Adam und Eva, sozusagen traumschön und widerborstig zugleich.

Der Regisseur Dietrich W. Hilsdorf hat diese 140 Minuten absolut durchgearbeitet. Alle sechs Darsteller wissen bei jeder Note, wo sie sind, was sie tun und warum sie es tun. Und man spürt, wie glücklich sie dabei sind. Dazu setzt Hilsdorf klare interpretatorische Akzente, die aber nie die erzählerische Linie sprengen. Da begründen etwa Gott und der Teufel mit Kruzifix und Barockmalerei gemeinsam eine Art Ikonographie des Christentums um Adam und Eva über den Verlust ihrer beiden Söhne hinwegzutrösten. Genau hier, beim ersten Paar, gelingt das Besondere. Mörder, Opfer und mythische Figuren funktionieren bekanntlich von jeher auf der Opernbühne. Aber Adam und Eva sind bei Scarlatti  einfach nur da, nölen in schönen Tönen über ihre Schuld und ihre Liebe zu ihren Kindern, handeln aber nie, denn wir sind ja in einem Oratorium. Das wenige, was gehandelt wird - opfern, morden, erlauben, bestrafen, verführen, verheißen – machen die anderen. In Essen aber sind Adam und Eva auch ein Zentrum der Aufführung. Weil Hilsdorf die Figuren klar definiert. Nicht nur, weil Adam am Stock geht; vermutlich hat er sich kaputt gearbeitet, weil er es im Paradies nicht gewohnt war oder ist schlicht ein Drückeberger. Oder weil Eva – „unter Schmerzen sollst du Kinder gebären“ – dauerschwanger ist, ohne weiter Kinder bekommen zu dürfen. Hilsdorf baut mit der Sopranistin Tamara Banjesevic und dem Tenor Dmitry Ivanchey, die beide außergewöhnlich nuanciert, farbenreich und intonationsrein gestalten, aus diesen Grundtypen, aus kleinen Gefühlsausbrüchen, aus An- und Abstoßungen eine Beziehung, die uns berührt, momentweise geradezu mitnimmt und den Schluss, das schlichte Bekenntnis weiterzuleben, wirklich wie eine Apotheose erscheinen lässt.

Auch in den anderen Rollen besonderes: der anfangs musikalisch sich noch etwas vortastende Philipp Mathmann mit ätherisch schönem Counter-Sopran und klarem, prägnanten Spiel; Bettina Ranch als Kain mit federnder Energie, gewaltiger, höchst elegant gefasster Bühnenpräsenz und klug eingesetzter, etwas monochromer aber sehr klangschöner Alt-Tiefe; Baurzhan Anderzhanov mit großer Spielfreude und überwältigend sympathisch timbriertem Teufels-Bass; Schließlich Xavier Sabata als Gott mit Countertenor-Stimme: Fokussiert im Gesang, mit explosiven Machtverlautbarungen, souverän im Spiel mit wie Pointen eingesetzten Energieschüben oder geradezu akrobatischen Momenten.

Ein perfektes Ensemble in einer großartigen Aufführung, die sogar fantastisch klingt im riesigen Aalto-Theater: klar, transparent, trocken, aber nicht zu trocken. Weil alle Beteiligten miteinander etwas Besonderes schaffen wollen. Weil Dirigent und Regisseur spürbar gemeinsam unterwegs sind. Und weil der Bühnenbildner Dieter Richter es wieder einmal geschafft hat, mit seiner Idee eines Theaterraumes die Akustik einer Aufführung positiv zu prägen.

 

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