Szenische Ordnung versus Anarchie
Der Schauspieler Ben Janssen gibt den Musikwissenschaftler Khranich als eine Mischung aus Piet Klocke und Wigald Boning, als schnell überforderten Nerd: altmodisch, aber bunt gekleidet. Trotz guter Vorbereitung entgleitet dem Forscher das Geschehen zusehends, die wissenschaftliche Distanz zum Thema geht verloren. Die Musik beginnt zu früh oder zu spät, der Dirigent vergisst die Stichworte, Figuren beleben sich, ziehen den Vortragenden ins Geschehen hinein. Und so taumelt der Dozent durch das nicht nur erotisch aufgeladene Stück, in dem so ziemlich alles verhandelt wird, was in Operetten halt vorkommt: Wein, Weib und Gesang, Coitus und Interruptus.
Das wunderbar Anarchische der Komposition Kampes und der Gattung überhaupt geht aber durch die Rahmengeschichte verloren, weil sie Zusammenhang stiftet und Ordnung suggeriert, auch wenn diese auf der Handlungsebene immer wieder unterlaufen werden. Die rebellischen Sprengkräfte, die viele Operetten enthalten und auch aus der Musik Kampes herauszuhören sind, werden meist überspielt, ins Lächerliche gezogen und verulkt. Manchmal ist das herrlich anzuschauen, weil entlarvend, manchmal ist das aber in seiner gewollten Überdrehtheit etwas fad.
Bespielt werden sowohl die Bühne als auch das Parkett. Das Orchester sitzt auf dem Graben, das Publikum davor. Sängerin, Sänger und Schauspieler agieren hinter und vor dem Orchester, schlendern durch die Reihen der Zuschauer und zurück zur großen dreistöckigen Riesengeburtstagstorte auf der ansonsten von Elisabeth Vogetseder sparsam dekorierten Bühne: Immerhin wird hier die erste Spielzeit der neuen Intendantin feierlich eröffnet. Jana Marković und Tomi Wendt dürfen sprechen und singen, kreischen und brüllen, gurren und piepsen, dass es eine wahre Lust ist. Die Texte von Autoren wie Schorsch Kamerun, Wiglaf Droste, Sibylle Berg und Guillaume Apollinaire sind nicht immer zu verstehen, handeln manchmal von Mord und Totschlag, von fliegenden Spiegeln und Fußbodenheizungen, von Spektakel und Tentakel.
Die 16 Musiknummern erinnern eher an die Revuen der 1920er-Jahre als an die Operette dieser Zeit, und klingen (wenn überhaupt) mehr nach Paul Abraham als nach Franz Lehár. Kampes Musik ist trocken und flott, wild und witzig. Sie unterläuft die Erwartungen der Zuhörer immer wieder, zerstört das kompositorische Gerüst, zitiert Walzer, Cancan und Csárdás, schlägt dann eine andere Richtung ein, läuft ins Leere und findet doch immer zum Ziel. Andreas Schüller dirigiert das achtköpfige Orchester sehr präzise und klar, übertreibt es dynamisch aber etwas und übertüncht dadurch die feineren Konturen der Musik. Die für Gießen hinzukomponierte Impfpolka auf einen Text des Komponisten und der Dramaturgin ist kaum auf dem Niveau der anderen Stücke.
Kampes „Gefährliche Operette“ braucht eigentlich kein Theater und keinen szenischen Rahmen, die Musik spricht für sich. Zur Dreiecksgeschichte aufgemotzt, verliert das Stück.