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Gedankenfreiheit im Kongresszentrum

Friedrich Schiller: Don Karlos, Infant von Spanien

Premiere: Theater: Staatstheater Nürnberg
Regie: Schirin Khodadadian 
Von Dieter Stoll am 14.10.2013

Dieser lockige Prinz ist ein Kindskopf und hat auch einen, den er zunächst selbstzerstörerisch gegen den Eisernen Vorhang schlägt. Mehrfach, bis er am Boden liegt und so schon mal die richtige Position für die folgenden Ereignisse studieren kann. Wie aus dem Abiturienten-Leistungskurs „Weltverbesserung“ gerissen wirkt der junge Mann, wenn er zwischen emotionalen Eckdaten von Liebesleid und Machtwillen hin und her sprintet, allzeit bereit, mit bebenden Nüstern statt des Jahrhunderts die nächste Zimmerschlacht herauszufordern im rundenreichen Kampf um die angebetete Stiefmutter. Die Nürnberger Neuinszenierung von Schillers „Don Karlos, Infant von Spanien“ überlässt bei der Erörterung von Größe “im Guten wie im Bösen“ dem Programmheft die Verbindung zu Menschenrechtskonvention und „roten Linien“ in Syrien. Sie hat es ein paar Nummern kleiner. Bei Regisseurin Schirin Khodadadian (erstmals am großen Haus, nachdem ihr spannender „Weibsteufel“ in den Kammerspielen zu den angenehmsten Überraschungen der letzten Spielzeiten zählte) ist sogar „Flandern“ eher ein Codewort als das konkrete Ziel der Polit-Strategien, denn sie fixiert den grundsätzlichen Konflikt in der kleinlich privaten Machtzentrale, wo Verbotene Liebe über Gute Zeiten Schlechte Zeiten entscheidet. Gedankenfreiheit? Klar, wenn der im Existentialisten-Pulli angereiste Marquis Posa das sagt, wird schon was dran sein. Jeans-Boy Karlos (Martin Bruchmann wirft sich ganzkörperlich auf die Rolle) springt den lässigen Jugendfreund aus „schönen Tagen“ überschwänglich mit gespreizten Beinen an und herzt, wie er das beim strengen Vater nie durfte. Da wäre wohl Philipps schusssichere Weste, die er noch barfuß im Privatgemach trägt, nur das kleinere Hindernis.

Zu diesem Zeitpunkt hat der Zuschauer schon viel Einblick in die Regierungszentrale, die Bühnenbildnerin Carolin Mittler mit Teak-Furnier und Wandleuchten aus dem Theaterraum in die Szene verlängerte. Ein Kongresszentrum als Labyrinth der klappenden Türen und engen Fluchtwege, wo - kleines Späßchen mit Metaphern-Aroma - die Königin samt ihrem Reifrock auch mal in der hohlen Gasse stecken bleibt. Beiläufig grüßt die Feydeau-Dramaturgie, ehe ein beängstigender Intrigen-Irrgarten daraus werden kann. Hier herrschen die Technokraten mit berufsbedingt finsterem Blick, die schneidende Schärfe des Herzogs von Alba (Thomas Klenk, Nürnberger Spezialist für ätzende Wortgefechte, der Schillers Sprache momentweise in Harry Potters Parsel übersetzt) gibt den Ton an, während Königin Elisabeth (im Anlauf zur Emanzipation strauchelnd: Karen Dahmen) und Prinzessin Eboli (melodramatisch schnodderig: Louisa von Spies) vorsichtig an der eisigen Fassade der Macho-Domäne kratzen. Wie ein Erlöser wird Marquis Posa, der nach Lohengrin gutherzigste Gesandte aus Flandern, in diesem erstarrten System aufgenommen (Daniel Scholz, legt schnell die Jacke ab, treibt auch sonst das Gemüt zur Gemütlichkeit) und muss als großer Manipulator wie auch heimlicher „Zweck heiligt die Mittel“-Philosoph an Selbstüberschätzung scheitern. Egal, warum und von wem er erschossen wird.

Zur wirklich interessanten Mittelpunkt-Figur macht die Inszenierung den autoritären König Philipp II., den man so nicht kennt. Thomas Nunner spielt gekonnt einen noch längst nicht vergreisten Herrscher, der Tyrannen-Rollenspiele als Barriere gegen den Machtverlust aufbaut. Eine oft sogar tragikomische Figur, die sich selbst durchschaut und dennoch weiter klammert. Aufbrausend in der Anführer-Rhetorik, hilflos im Gefühl. Dass ihm die Regie zum rebellierenden Student-Infanten die hier als Mamas Ebenbild-Püppchen kostümierte Kleinkind-Infantin wie ein putziges Mahnmal des Versagens hinstellt, verschiebt die Gewichte zwischen Staatsräson und Privatsache erneut in die Beziehungskiste. Schon hat man sich als Zuschauer darauf eingestellt, dass der auf dem Besetzungszettel fehlende Großinquisitor tatsächlich nichts zu suchen hat in dieser erweiterten Familienangelegenheit, da taucht ein schneidiger Generalvikar auf (Julian Keck, vorher als Page nachgeordneter Strippenzieher, nun ein vermutlich erster Klasse eingeflogener Würdenträger mit Gipskragen) und fordert Ordnung.

Regisseurin Schirin Khodadadian, von Ausstatterin Marion Hauer mit einem Kostüm-Rundblick von der glitzernden Historienpracht (Elisabeth, Eboli) bis zum schlabbernden Versandhaus-Design (Karlos, Posa) in der Behauptung der Zeitlosigkeit unterstützt, kann im selbstgesteckten Rahmen beim Ruf nach „Gedankenfreiheit“ nicht revolutionär auftrumpfen. Zwar hat sie mit den dazumal noch so personalintensiven Lauschangriffen aus allen Winkeln und thrillertauglichen Schattenfiguren auf allen Wänden die kleine Welt der Herrscher-Bürokratie ins Allgemeingültige hochgerechnet, doch nach mehr als drei Stunden bleibt der ganze Sturm und Drang im Windfang des Königshauses hängen. Draußen ist also auch was faul im Staate, ein anderer Dichter hat ebenfalls schon darauf hingewiesen.

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