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Frauen an der Macht

John von Düffel: Antigone

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Theater Ulm
Regie: Jasper Brandis   Foto: Kerstin Schomburg 
Von Manfred Jahnke am 18.09.2021

Hier göttliches Naturrecht, dort politisches Kalkül – so lässt sich der Konflikt zwischen Antigone und Kreon in der „Antigone“ des Sophokles beschreiben. In seiner Fassung der „Antigone“, als Auftragsarbeit für das Theater Ulm entstanden, nimmt der Autor und Antikenspezialist John von Düffel nun markante Eingriffe vor: Im ersten Teil erzählt er die Familiengeschichte der Labdakiden. Dazu greift er auf zum einen auf „Sieben gegen Theben“ von Aischylos zurück, mehr noch übernimmt er die Interpretation des Euripides aus den „Phönizierinnen“. Menoikeus, der sich selbst opfernde Sohn des Kreon, kommt nur bei Euripides vor. Erzählt wird im ersten Teil zum einen, wie sich Ödipus auf den Weg in die Verbannung vorbereitet, und zum anderen, wie sich vor dem siebentorigen Theben die Zwillingsbrüder Eteokles und Polyneikos gegenseitig töten: der König, der nicht wie vereinbart die Herrschaft mit seinem Bruder im Wechsel teilen will; und der Bruder, der mit einem Invasionsheer sein Recht durchzusetzen sucht. Dagegen, dass Kreon nur Eteokles ehrenvoll bestatten lässt, Polyneikes aber den Geiern ausliefert und jeden, der ihm die letzte Ehre erweisen will, mit dem Tode bedroht, begehrt dann im zweiten Teil Antigone auf.

Bei John von Düffel allerdings steht nicht die Titelheldin im Zentrum, sondern Kreon, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird und der den ganzen Abend auf der Bühne (aus)sitzt. Schon im Prolog sinniert er darüber, dass er sich eher in der Rolle des „zweiten Mannes“ wohlfühlt, was im Umkehrschluss ja bedeutet, dass er sich als erster Mann im Staate eben nicht wohlfühlt und auch deshalb als König zum Scheitern verurteilt ist. Die Doppelbesetzung von Antigone und Polyneikes, ebenso wie von Ismene und Eteokles, mit denselben Schauspielerinnen erscheint hingegen sinnfällig, kämpfen doch die ersteren beiden um ihr Recht, die anderen hingegen arrangieren sich mit der Macht. Wie Machtstrukturen eine eigene Dynamik entwickeln, die auch über die Mächtigen hinweggeht, und wie Ohnmacht auch im Untergang Macht entwickeln kann, das wird in der Geschichte der Antigone greifbar. Dazu muss man allerdings nicht, wie von Düffel im Interview oder im Programmheft, die Pest in Theben als Analogie unserer heutigen Pandemie bemühen.

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Die erwähnten Doppelbesetzungen verweisen auf einen fundamentalen Kunstgriff der Uraufführungsinszenierung von Jasper Brandis: Er besetzt alle Rollen mit Frauen. Und auch wenn Männer gespielt werden, sind die Darstellerinnen klar als Frauen erkennbar. So bleibt stets deutlich, dass Frauen im Machtspiel männliche Verhaltensweisen kopieren, sie gelegentlich karikieren, aber ihre Weiblichkeit nicht leugnen. Der leere Raum (Ausstattung: Andreas Freichels) wird zunächst beherrscht von einer Scheinwerferbatterie und einer Brücke auf halber Höhe, auf der der Kreon der Anne Simmering im Halbdunkel (Licht: Johannes Grebing) agiert, während der geifernde Ödipus der Christel Mayr aus dem „Keller“ (Kerker?) steigt. Anne Simmering, deren Gesicht einer eingefrorenen Charaktermaske gleicht, agiert als Kreon zumeist von ihrem Sessel aus, in der Stimme gefährlich leise, nur in wenigen Ausbrüchen wird sie emotional. Sie scheint gebrochen, schaut dem Spiel zu, auch dann, wenn es sie selbst betrifft. Emma Lotta Wegner betont als Eteokles erst einmal die Männlichkeit, wirkt dabei aber zunehmend karikaturenhaft. Ähnlich die gar nicht so selbstbewusste Antigone der Marie Luisa Kerkhoff – zumal, wenn sie den Polyneikes spielt.

In seiner Regie fokussiert Brandis auf die Sprechoper. Mit Licht und Nebel zaubert er schöne Bilder mit nur wenigen großen Gesten, die vor allen Dingen der Antigone vorbehalten sind. Da legt sie schon einmal die Hand aufs Herz oder erscheint, wenn es zur Verurteilung geht, im weißen Kleid, dass am Ende blutbefleckt ist. Das wirkt gewollt statuarisch weggerückt, wie ein Gang durch das Antikenmuseum.

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