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Frack-Operette ohne Dating-App

Florian Ludewig, Johannes Kram: Operette für zwei schwule Tenöre

MusiktheaterPremiere:  Theater: BKA-Theater
Foto: Screenshot Homepage BKA-Theater 
Von Roland H. Dippel am 07.10.2021

Diese schwule Zweisamkeit ist reflektiert auf Höhe heutiger Selbsttherapiestrategien, die Entzweiung am Ende des zweiten Teils trotzdem fast so tragisch wie in der goldenen, silbernen und blechernen Operettenära. Die erstmals bei einem Konzert im Schwulen Museum 2017 präsentierte „Operette für zwei schwule Tenöre“ spielt durchaus mit männlich queeren Stereotypen. Aber das 100-minütige Dramolett für zwei Protagonisten und ein dreiköpfige Supporting Company bleibt unangefochten von Versuchungen Richtung Klischee-Kabarett. Das Publikum – wie anders? -– jubelte so lange freudetrunken und lautstark, bis das Ensemble im bewundernswert kultiviertem Comedian-Harmonists-Ton eine letzte Song-Reprise all denen widmeten, die sich früher und heute aufgrund ihrer sexuellen Identität verstecken und verbiegen mussten.

Im Bionade-Biedermeier

Im Raum des BKA am Berliner Mehringdamm hütet man sich erfreulich vor parteilichen Verallgemeinerungen. Aber man zeigt auch, dass die verhandelten Konflikte in allen denkbaren Paar- und Geschlechtskonstellationen zum Thema werden könnten. Nur wenn es um die Entfernung zum nächsten Ikea oder um eine Stilfrage wie „Champagner von Aldi“ geht, gerät das auf Nebengleise von Landlust- und Bionade-Biedermeier. Und das gerät entschieden weniger unterhaltsam als das prickelnde Unterwandern von Verhaltensnormen in alten Operettenträumen wie „Opernball“ oder „Wo die Lerche singt“.

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Der Graphiker Tobi hat die Schnauze voll von Berlin und zieht aufs Land. Dort lernt er den Krankenpfleger Jan kennen und lieben. Als na(t)ives Landkind, der seinen Lebensort seit der Wiege und kompliziertem Coming-out mit allen Licht- und Schattenseiten kennt, kann Jan im kleinen Haus am Dorfrand kaum Freiheiten erkennen wie Tobi – und er will beim Schützenfest auch nicht vor aller Augen mit einem Mann auf den Tanzboden. Beide ziehen zusammen und lieben sich vier Jahre lang, bis Jan in Berlin untertaucht und zum Abschied nicht mal leise Servus sagt. Bei einer Wiederbegegnung geben die beiden, deren Gefühle füreinander nie ganz erkaltet sind, Anlass zu neuer Beziehungshoffnung.

Traumwandlerischer Egoismus trifft Wunschschwiegersohn-Naturell

Auf der Bühne monologisieren und dialogisiert Ricardo Frenzel Baudisch (Tobi), ein sympathischer Operetten-Tenorino mit viel Elegie und etwas traumwandlerischem Egoismus, mit Felix Heller (Jan), dem feinen Musical- und gewinnendem Wunschschwiegersohn-Naturell. Im erzählten und gespielten Beziehungspanorama reißt die dreiköpfige Company mitunter das Geschehen an sich – fetzend, lebhaft und bewegungsstark (Choreographie: Michael Heller). Tim Grimme, Tim Olcay und Pascal Schürken sind ganz unterschiedliche Darstellertypen und ergänzen sich darob ideal. Sie übertönen laut und grell das Band-Playback, während das Nicht-auf-Immer-Liebespaar auch verhaltene Töne zeigt. Mann trägt Frack oder edles Casual (Kostüme: Cleo Niemeyer), umarmt sich zu Beginn oft und beherrscht immer die feine Kunst schattierender Dialoge, wie er an Mehrspartentheatern in Operetten nicht allzu oft vorkommt. An kritischen Stellen erweist sichJohannes Kram als feinsinniger Psychologe, der Paarprobleme in wenigen Sätzen so prägnant umreißt, dass es nie langweilig wird. Die Musik reißt Schwelgerisches von Lehár an, versteigt sich aber sich aber nie zum Plagiat ganzer Melodien. Trotzdem erkennt man Klangreize wie ein Richard-Tauber-Lied über Soldaten am Wolgastrand oder Schlagergeklingel für Mädchen aus Piräus, die auf lachende Matrosen warten (Arrangement und Musikproduktion: Martin Rosengarten nach Noten von Florian Ludewig).

Die Hauptcharaktere der ersten queeren Operette der Welt werden also nicht mit aufgewärmten Melodie-Gut abgespeist, sondern mit passgenauer Konfektion bedacht. Das ist gut so. Eine Kleiderstange mit vielen Textilangeboten und zwölf großen Würfeln mit Schriftzügen („Schwul!“/“Nicht schwul!“) und Sonne-Mond-Sterne-Bemalungen ermöglichen klares Spielverhalten mit selbstgebauten Mauern und Stegen an den passenden Stellen. Das Stück konzentriert sich ganz auf das Narrativ „Mann liebt Mann“. Der nette Schwule von nebenan wird nicht idealisiert, hat Macken, ist trotzdem kein Problemstück-Protagonist und vor allem kein Stigmatisierungsopfer.

Erörterung der Gattungsfrage

Für die Erörterung der Gattungsfrage holte Johannes Kram sich Hilfe bei Kevin Clarke. Man bezieht sich natürlich auf die Operetten-Neupositionierung durch Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin und andererseits auf die Operette der 1920-er Jahre. Nur in der Mitte des zweiten Teils driftet die Problemdiskussion einige Minuten zu lange in Nachdenklichkeiten ab, wenn Tobi und Jan auf dem steinigen Weg zu zweit zu lange musikfrei auf der Stelle treten. Ihr Wiederfinden hat dafür etwas von jener Leichtigkeit, wie sich in der französischen Operette-legère à la André Messagers „Passionément“ unpassend gewordene Beziehungen lösen und die Getrennten mit freundschaftlichem Respekt auf die gemeinsame Zeit zurückblicken.

Wichtiger ist in der „Operette für zwei schwule Tenöre“ der vollkommene Paradigmenwechsel in Bezug auf die frühe Operette. Es geht nicht mehr um Flucht aus dem Erlebnismanko wie in „Fledermaus“ oder „Pariser Leben“. Ganz im Gegenteil: Für Tobi ist das Leben ohne Dating-App das erklärte Ziel, für Jan im Landleben als Schwuler die pragmatische Lebenserleichterung. Da, wo in der permissiven Gesellschaft jede Konstellation und Polyamorie denkbar ist, erweist sich die Bereitschaft zum Landleben, bei der die ersten Anzeichen von Partnerschaftskrise im Aldi-Champagner perlen, als das allergrößte Abenteuer. Tobi und Jan riskieren den Zauber der stillen Häuslichkeit in Dingsda. Nur weil Florian Ludewigs Melodien so gut getimt sind, fällt nicht auf, dass der latent melancholische Johannes Kram mit seinen Texten fast in eine Comédie larmoyante rutscht. Die „Operette für zwei schwule Tenöre“ setzt ein mündiges Publikum voraus, das gegenüber Mustern à la „Land des Lächelns“ oder „Blaubart“ immun oder ignorant ist. Ricardo Frenzel Baudisch und Felix Heller brauchen als JunXXX von heute nicht das Durchtriebene, den Vergnügungshunger und den „Überschuss, den sie loswerden müssen“, mit dem Falls „Madame Pompadour“ oder der „flotte Geist“ des „Zigeuner“-Baron alles an sich reißen.

Ein Anfang ist gemacht: Bei der „Operette für zwei schwule Tenöre“ handelt es sich um eine voll normale Liebeshandlung.

 

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