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Flucht ins Feuer

Heinrich Theodor Fontane: Grete Minde

Premiere: Theater: Volkstheater Rostock
Regie: Kay Wuschek   Foto: Mirco Dalchow 
Von Michael Laages am 12.01.2019

Morgen ist Krieg. Schon schwelt mörderisch der Hass unter den Menschen, die sich „Christen“ nennen, und alles Fremde ist natürlich vom Teufel. Eine junge Frau steht mitten in diesem Glühen, das die heraufziehende Katastrophe ankündigt. Und weil die enge Welt des Hansestädtchens Tangermünde an der Elbe dem Mädchen keine Luft zum Atmen lassen will am Vorabend jenes Glaubenskrieges, der dann 30 Jahre währt und halb Europa ausrottet und verheert, steht Grete Minde in Theodor Fontanes Novelle am Ende tatsächlich im Feuer und über den Flammen. Mit der Brandfackel ist sie um die Häuser gezogen und hat die Stadt angezündet, hoch oben im Kirchturm schaut sie der Zerstörung zu. Bis der Turm zu Staub und Asche wird, und sie mit ihm. Der Stadtbrand von 1617 ist verbürgt, die historische Grete Minde aber haben die braven Bürger von Tangermünde 1619, zwei Jahre nach dem „Fall“, aufs Fürchterlichste gefoltert und als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Vom Start weg zum Staunen ist die Theaterfassung, die fürs Volkstheater in Rostock und mit dem Ensemble dort erarbeitet wurde vom Team um Kay Wuschek, den Intendanten im Theater an der Parkaue, dem „Jungen Staatstheater“ in Berlin also; wohin „Grete Minde“ von Rostock aus weiter wandern wird. Auch wenn sie wie ein Kinderspiel beginnt (das Mädchen Grete ist 13 und hüpft wie munteres Federvieh durch die Kinderliebe mit Valtin, dem Jungen von nebenan), so ist der drohende Horror schnell und gegenwärtig spürbar. Schwägerin Trud hasst Gretes Leichtigkeit schon, weil sie selbst die nicht hat; religiöse Fundamentalisten sind hier alle außer Grete, Valtin und dessen Mutter – Lutheraner stehen gegen Calvinisten, und Grete, Tochter des Kaufmanns Minde aus früherer Ehe, hatte obendrein noch eine katholische Spanierin zur Mutter. Eine „Spanische“! Und Papistin! Die Schwägerin glüht vor Hass auch gegen den freien Geist des Mädchens. Als eine Art Haussklavin hält sie sie, als der alte Vater endlich stirbt, der letzte, der Grete geschützt hatte und ihr Freiheit ließ. Diese Familienaufstellung ist schauerlich genug – der Kirchenmann Gigas nimmt das Mädchen obendrein glaubensstreng in die Zucht, wie sehr ihn Gretes Schönheit auch erregen mag…

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Als der Zwist mit der Schwägerin eskaliert, flieht Grete aus der Stadt; Freund Valtin nimmt sie mit. Die Elbe hinab geht’s auf einem Floß, dann ist das Paar für eine Weile mit reisenden Puppenspielern unterwegs, die gleich zu Beginn der Fontane-Fabel (und zu furios donnernder Percussionsmusik!) schon „Das jüngste Gericht“ gespielt hatten auf dem Markt vor dem Rathaus in Tangermünde. Die beiden haben auch ein Kind, dann wird Valtin todkrank – und Grete kehrt auf seinen Wunsch heim und bitte alle im Hause Minde um Verzeihung, vor allem den Bruder. Der aber weist sie ab, verweigert auch das Erbe, das der Halbschwester zustünde – da wird Grete zum feurigen Racheengel.

Der religiöse Wahn der Geschichte ist von heute, genau wie der ungebändigte Freiheits- und Selbstbestimmungsdrang der jungen Frau und der Hass von Biedermännern und –frauen auf alles Fremde. Und doch kommt Kay Wuscheks Inszenierung ganz ohne Moderne aus; mal abgesehen von Kinderwagen, Rollstuhl und einem Mikrophon für den Prediger. Joachim Hamster Damm (in bester Erinnerung schon als Teil von Leander Haußmanns Team vor über zwanzig Jahren in Bochum und ein wunderbar freier Geist der Bühnenbauerei!) hat eine Art märchenhafter Puppenstubenstadt gebaut, mit sehr beweglichen und in Backstein gemalten Mauer-, Haus- und Turm-Kulissen mit Zinnen und Zacken am Dachfirst, sparsame Videos und Projektionen inklusive. Und auch die Puppen hat er beigesteuert – kreiert vor Jahren in einem Projekt mit jungen Theatermenschen. In Damms Kostümen wie in Wuscheks Inszenierung wirkt derweil nichts aufgesetzt heutig und also angestrengt, vom kleinen Suff-Exzess des Kirchenmanns mal abgesehen. Eher befördert der Intendant von der Berliner Parkaue speziell zu Beginn das jugendliche Spiel von Nachbar Valtin (Alexander von Säbel) und der Grete von Sophie Platz.

Die junge Schauspielerin wird auf ganz unspektakuläre Weise zum Zentrum – so bestimmt in allem, was sie will, wie in dem, was daraus nicht werden darf. Neben ihr agiert das immer noch sehr kleine Rostocker Ensemble sehr kompakt und konzentriert, mit ihnen allen verdichtet sich die Fabel auf zwei pausenlose Stunden. Vor leider nicht ausverkauftem Hause – das Fundament für kraftvolles Schauspiel wie dieses ist in Rostock offenbar noch immer und längst nicht fest und breit genug. Aber was kann Theater mehr als es hier zeigt? Uns kommt eine Geschichte ziemlich nahe, die doch eigentlich unerhört weit weg sein müsste: in Fontanes Novelle vor 139 wie dem authentischen Geschehen vor 502 Jahren. Und wir erschrecken ein bisschen, dass so fürchterlich viel vom Feuer, das in Tangermünde brannte, auch heute wieder schmort und zündelt.

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