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Fast Dokumentartheater

Bertolt Brecht: Die Rundköpfe und die Spitzköpfe oder Reich und Reich gesellt sich gern

SchauspielPremiere:  Theater: Schauspiel Essen
Regie: Herrmann Schmidt-Rahmer  Komponist: Hanns Eisler   Foto: Martin Kaufhold 
Von Andreas Falentin am 11.09.2021

Die Krise unserer demokratischen Gesellschaft ist seit Jahren ein wesentliches Thema auf den Bühnen. Selten aber wohl kam sie so explizit, so analytisch klar, so intensiv und so wenig verbiestert ins Theater wie jetzt in Essen. Hermann Schmidt-Rahmer bewegt sich sicher auf dem Fundament von Brechts fast nie gespieltem Stück, weil er genau das tut: Er benutzt den Originaltext als Sprungbrett und als inhaltliche Setzung, entschlackt ihn aber und denkt ihn, auch sprachlich und textlich, in unsere Zeit weiter.

Dabei kann er sich auf ein aus einem Guss spielendes Ensemble verlassen. Das Brecht ebenfalls verstanden und weitergedacht hat. Die Sprache atmet, alter und neuer Text werden mit ihrem ganzen Nuancen- und Anspielungsreichtum zur Verfügung gestellt. Es wird locker gespielt und gesprochen, genau und nie zu laut. So wird die Aufführung zum Wechselbad, gerät man immer wieder vom Entzücken ins Erschrecken. Wir sind in einer Welt von oben und unten, von Pachtherrn und Pächtern. Die einen genießen ihre Privilegien und wollen sie unbedingt behalten. Die anderen wollen entweder, dass es kein Oben und Unten mehr gibt, wie der Pächter Lopez, die einzige Figur, die am Ende tot ist. Oder sie wollen selber oben sein, wie der Pächter Callas. Ihm hat Schmidt-Rahmer das Idiom von Olli Dittrichs Kult-Figur „Dittsche“ mitgegeben. So wird Jan Pröhl in dieser Rolle zum fast possierlichen Außenseiter – bauernschlau, egozentrisch, beschränkt, witzig und durchgehend chancenlos.

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Die inhaltliche Klammer rankt sich in der Essener Bearbeitung des Stückes um den Pachtherrn de Guzman. Er hat Callas‘ Tochter Nanna verführt, wird dabei erwischt und vor Gericht gestellt. Er hat einen spitzen Kopf, ist also Tschiche, während das Mädchen einen runden Kopf hat, also Tschuchin ist. Jeder hier ist entweder Tschuche oder Tschiche. Das war schon immer so. Aber ausgelöst durch den Vorfall schießen sich die Tschuchen auf ein neues Feindbild ein. Das ergibt eine neue Situation, aus der alle versuchen, im Wortsinn, Kapital zu schlagen (oder zumindest keins zu verlieren) und ihren sozialen Status zu erhöhen oder zumindest zu erhalten.

Schmidt-Rahmer ordnet das daraus entstehende dramaturgische Durcheinander mit großer Souveränität. Wir erleben – Tschuchen und Tschichen, reich wie arm – einen durch und durch verrotteten Menschenschlag. Und gleichzeitig kennen wir alle, die da rumlaufen, kennen diese Mechanismen, die ja wesentlicher Teil zumindest unserer jüngeren Geschichte sind. Haste was, biste was oder, wie Callas mit Hanns Eisler singt: „Man hat nur, was man hat“. Diese Gesellschaft ist durch und durch materialistisch. Und immer gibt es jemand, der skrupellos über den eigenen Tellerrand schaut und die  durch neue Feinbilder entstehenden gesellschaftlichen Mechanismen nutzt, zu seinem Spaß und für seinen Aufstieg. Hier ist es der von Stefan Diekmann gnadenlos gespielte Blondo.

Die Aufführung ist ein grausames, scheinbar mit leichter Hand modelliertes Zerrbild dieser gesellschaftlichen Prozesse, mit wunderbarem Rhythmus, viel, oft geräuschnaher Musik und außergewöhnlicher Optik. Daniel Angermayr bestückt die Drehbühne mit Orten und Symbolen so, dass sekundenschnelle Schauplatzwechsel möglich werden. Immer weiß ma, wo man ist, nie wird etwas fernsehrealistisch auch nur angedeutet. Dazu kündigen wechselnde Schriftzüge Szenen an, geben weitere Gedanken dazu, kommentieren, verdoppeln aber nie. „Fördern und Fordern“ steht neben der ersten Szene, in der der Antagonismus arm-reich gleich aufbricht. Die Punkte im „ö“ sind durchgestrichen. Schon hört man anders zu, erwartet etwas, was dann wieder gebrochen wird. Gleich beim Einlass wird behauptet, es gebe hier kein Lehrstück zu erleben, sondern Dokumentartheater. Was natürlich stimmt und nicht stimmt. Aber uns auf jeden Fall dafür sensibilisiert, dass es da gleich um uns gehen wird.

Ein Clou schließlich sind die Kostüme von Pia Maria Mackert, Ganzkörpersuits mit getürmten barocken Haartrachten für die Spitzköpfe, Einheitshässlichkeit mit individuellen Ausprägungen von großer Bildphantasie. Sie werden zum entscheidenden Mittel der Erzählung und schaffen durch ihre Künstlichkeit die notwendige Distanz. Und sind eine echte Show.

„Die Rundköpfe und die Spitzköpfe oder Reich und Reich gesellt sich gern“ war durchaus ein Schmerzenskind des Dramatikers Brecht. Er begann es 1932 – als eine Art Paraphrase auf Shakespeares „Maß für Maß“, bei der er die Angelo-Figur zum Hitler-Popanz hochjazzte – und arbeitete bis 1938 daran, also weit über die Kopenhagener Uraufführung 1936 hinaus. Hermann Schmidt-Rahmer und dem Schauspiel Essen ist mit ihrer Essener Fassung (wie haben sie die bloß bei den Brecht-Erben durchgekriegt?) nun eine wirkliche Wiederbelebung des Stückes gelungen. Obwohl alles Kultur- und Zeithistorische getilgt ist. Wir finden weder Shakespeare noch Hitler wieder, auch keine verschwurbelten dramaturgischen Mutmaßungen mehr über Rassismus, Rassentheorie und Judenverfolgungen, die einer Verbreitung des Stücks sicher im Weg stehen.

Es bleibt genug übrig. In Essen erleben wir vieles von dem, was heute nicht stimmt mit uns, als distanziertes und sich distanzierendes, aber sehr sinnliches Theater: Kein Lehrstück mehr, tatsächlich fast – Dokumentartheater.

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