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Farbenprächtig funkelndes Belcanto-Fest

Gioachino Rossini: Elisabetta regina d‘Inghilterra

MusiktheaterPremiere:  Theater: Festival Rossini in Wildbad
Regie: Jochen Schönleber  Musikalische Leitung: Antonino Fogliani   Foto: Patrick Pfeiffer   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Eckehard Uhlig am 12.07.2021

Die Pandemie-Not macht erfinderisch, Corona fordert die Akteure im Theaterbetrieb als Improvisations-Künstler heraus. Was sonst in eng bestuhlten Theatern stattfindet, wird als Openair ins Freie verlegt. Der Austragungsort des seit Jahren etablierten Rossini-Festivals, das beschauliche Schwarzwald-Kurstädtchen Bad Wildbad, bietet dazu reizende Möglichkeiten. Doch Starkregen mit Blitz und Donner machen auch schönste Freilicht-Ideen, wie sie sich Festival-Intendant Jochen Schönleber und sein Team ausgedacht haben, zunichte.

Bleibt in Wildbad als Spielort die „Offene Halle“, eine ins Enztal zwischen Wäldern, Sportplatz und Parkgelände mit dem Charme eines Bauplatzes eingezwängte, luftige Holzarchitektur mit großen, offenen Toren, in die eine mit Traversen für die Beleuchtung, einigen Theatergassen, einer Anzeigetafel für die Obertitel und einem zuweilen klemmenden schwarzen Stoffvorhang ausgestattete Bühne hinein platziert wurde. Da fühlt man sich, zumal wenn der Regen auf das Bretter-Dach prasselt, in die elisabethanische Frühzeit der Theaterkultur zurückversetzt, als die fahrende Musikanten- und Schauspielerzunft in Bretterbuden gastierte. Hier also wird gegeben ein „Dramma per musica“, Gioachino Rossinis „Elisabetta regina d'Inghilterra“ (Elisabeth, Königin von England).

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Und was dabei herauskommt, ist ein musiktheatralisch beachtliches, in Teilen mitreißendes, tödliches Intrigenspiel im englisch-schottischen, von Liebesleidenschaften durchkreuzten Machtpoker des 16. Jahrhunderts, das wir ähnlich aus Friedrich Schillers „Maria Stuart“ kennen.

Eigentlich ist die Aufführung eine Übernahme der Inszenierung, die der für Regie und Bühne verantwortliche Jochen Schönleber für das plüschige Slowacki-Theater in Krakau konzipiert hat. Die Umsetzung der Produktion in die Wildbader Corona-Bedingungen wirkt wie ein Spiel auf der Probebühne. Der Philharmonische Chor Krakau erscheint zwar hin und wieder als Statisten-Volksmenge auf den Theaterbrettern, singt aber zumeist hinter und neben der nachtschwarzen Bühne. Für die teils in glitzernder Abendrobe, teils im Gammleroutfit (Kostüme: Ottavia Castel-lotti) herausgeputzten dramatis personae, die Abstand voneinander halten, gibt es lediglich zwei plastikrot bezogene Regie-Sessel, ein angedeutetes Rednerpult und noch ein paar Stühle – keinen Thron, geschweige denn einen Thronsaal. Manchmal hastet der bei Rossini als Hauptmann der königlichen Wachen aufgeführte Guglielmo (Luis Aguilar) als Regieassistent im Straßenanzug mit kurzen tenoralen Anweisungs-Einwürfen und aufgeschlagenem Skriptbuch über die Bühne. Auf der Bühnenrückwand sind per Video-Clips eingespielte Projektionen zu sehen, die das Musikdrama in die Gegenwart holen: versammelte Bürger im Corona-Protest, dann eindrucksvoll zu den Kerker-Szenen im 2. Akt mehrfach „ein anderer“ Leicester, von zwei schwarzbebrillten Geheimagenten durch verwinkelte Folterkeller-Gänge geführt, in der Schlussszene „eine andere Elisabeth“, die sich vor dem Spiegel ihr Gesicht abschminkt. Das Philharmonische Orchester Krakau sitzt eingekeilt zwischen dem begeisterten Szenenapplaus spendenden kleinen Premierenpublikum und der improvisierten Bühne auf Tuchfühlung mit den Vokalsolisten.

Musikalisch ist diese Produktion ein Ereignis. Selten hört man die Ohrwurm-Ouvertüre, die Rossini mehrfach verwendete und vor allem aus seinem „Barbier von Sevilla“ bekannt ist, mit solch schönen Crescendo-Anläufen wie in Wildbad. Dirigent Antonino Fogliani, ein ausgewiesener Rossini-Spezialist, hat aus dem auffallend jugendlich besetzten  Orchester-Ensemble eine hocheffiziente, klangmächtige Rossini-Truppe geformt und auch den Chor zupackend im Griff. Herausragend die Sopranistin Serena Farnocchia als Königin Elisabeth I. Ihr Bewegungsgefühl ist in der Verzierung vokaler Linien zu Hause, auch das Tremolando in Bögen und Haltetönen scheint ihr das Natürlichste von der Welt. Vor allem ihre hochdramatischen Auftritte geraten zu einem Fest der Koloratur. Tenor Patrick Kabongo meistert als triumphierender Heerführer, ins Gefängnis geworfener Liebhaber und Elisabeth-Günstling Leicester nicht nur die von Bläsern begleitete Traumszene (im 2. Akt) mit Bravour. Der etwas näselnde und pressende Tenor Mert Süngü zeichnet sich in seiner anspruchsvollen Rollenpartie als rachsüchtiger Bösewicht-Norfolc aus. Veronica Marini punktet als Matilde, der vom Rossini-Librettisten Giovanni Schmidt in den Plot eingeführten Kunstfigur (Maria Stuart-Tochter), mit einer in Koloratur-Girlanden ausschweifenden, wunderschönen  Arie („Sento un'interna voce“) im 1. Akt. In der Hosenrolle des Enrico gefällt Mara Gaudenzi.

Nicht nur das von allen Beteiligten gestaltete Stretta-Finale des ersten Akts, das die musikantischen Schlenker der Ouvertüre wiederholt, entfaltet ein farbenprächtig funkelndes Musikfest. Was will man mehr?

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