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Familien-Idyll-Tableau

Reinhard Baumgart: Wahnfried - Bilder einer Ehe

Premiere:  (UA)   Theater: Südthüringisches Staatstheater Meiningen
Regie: Jan Steinbach   Foto: Foto-ED 
Von Ute Grundmann am 14.01.2013

„Es war nicht ständiges Glück. Es war auch Kampf um Ruhm und Werk. Und es war diese furchtbare Unzertrennlichkeit.“ So schaut Cosima Wagner gegen Ende ihres Lebens auf die gemeinsamen Jahre mit dem „Meister“ zurück. Um eben diese 14 Jahre, Tage, Stunden, die sie allabendlich gezählt hat, soll es auch in Reinhard Baumgarts „Wahnfried – Bilder einer Ehe“ gehen. Ein Drehbuch für ein Fernsehspiel aus dem Jahr 1985, das nun, zu Beginn des Wagner-Jahres, als Bühnenstück seine Uraufführung in Meiningen erlebte. Entstanden ist eine Art Bilderrevue eines Komponistenlebens, mit Verehrerinnen, Weggefährten und Haushund Ruß, der Kaffeetabletts und die Post apportiert.

Eine rote Treppenlandschaft hat Frank Albert für die Bühne des Großen Hauses entworfen, mit unterschiedlichen Höhen, Absätzen und eine Art Fenster in der Rückwand. Dieses rote Gebilde könnte ein Bühnenbild für eine Wagner-Oper sein, das Entree einer herrschaftlichen Villa oder auch ein bzw. das Festspielhaus (was es im zweiten Teil auch wird). Vor diesen roten Stufen, auf denen maskierte Figuren stehen, wird zu Beginn Richard Wagner (Peter Bernhardt) an einem Flügel aus dem Orchestergraben hochgefahren, doch ehe er zu spielen beginnen kann, hindert der laute Ruf nach „Richard“ das Entstehen der Töne. Es ist Cosima (Chris Pichler), die nach ihm ruft, zu ihm auf das Klavier klettert und beide ihre Liebe beschwören. Beobachtet wird die Szene von einer dunkelgekleideten Frau im Hintergrund – eine zweite Cosima (Ulrike Barthruff), die Regisseur Jan Steinbach zu Reinhard Baumgarts Szenario hinzuerfunden hat. Sie ist die Witwe, die Wächterin von Werk und Ruhm, die hier auf das Leben mit Richard Wagner zurückblickt, während es auf der Bühne abläuft.

Da steht dann Richard Wagner kakaoschlürfend zusammen mit Frau und Stieftochter und macht Konversation; wenn er beklagt, dass ihm vor lauter Glück kein Ton mehr einfalle, umringen ihn die Maskenfiguren des Beginns und murmeln „walle, walle, weiawalle“. Steinbach stellt immer wieder Familien-Idyll-Tableaus, in die dann etwa einer der Maskierten tritt, die Maske abnimmt und Nietzsche ist, der den Meister und seine Musik liebt, aber auch Cosima, vor allem aber doziert. Hübsches Detail, wenn Cosima und Nietzsche sich nicht einig werden, ob es ein Handkuss oder ein Händedruck werden soll. Aber solche ironischen Schlenker sind sehr selten in dieser Inszenierung, die Leben und Werk des Komponisten ziemlich weihevoll präsentieren, so wie dieser Richard Wagner, stets im Frack, immer im hohen Theaterton spricht, als würde er leben und zugleich wissen, dass er eine (bedeutende) Rolle spielt. Chris Pichlers Cosima ist ähnlich weihe- und würdevoll, als müsse sie jeden Augenblick mit immenser Bedeutung aufladen. Und schnell wird klar, dass sie die Unterwerfung kultiviert, aber mit Merksätzen die Beziehung steuert.

Böse Blicke schießt sie, als die Journalistin Judith (Anja Lenßen) in ihr und Wagners Leben tritt, angeblich nur dessen Musik verehrend, aber einem Flirt doch sehr nahekommend. Wenn Wagner den Krieg bejubelt (und gegen Franzosen und Juden wettert), macht ein Donnerblech wie aus alten Theaterzeiten die Stimmung dazu. Und unterm Weihnachtsbaum spielt er Kasperle für die Kinder, redet aber nur über sich und die Gründung in Bayreuth. So reiht sich Szene an Szenchen, mal aus dem Künstler-, mal aus dem Privatleben, Sohn Siegfried läuft zu Hause im silbernen Harnisch und Flügelhelm umher, Franz Liszt (mit Mini-Klavier) und Hans von Bülow (als nervöser Raucher) haben ihre Auftritte, es gibt Probenszenen in Bayreuth (aber nur Textproben, immer wenn es an die Musik gehen müsste, kommt etwas dazwischen). Das ist ein Bilderbogen, der aber so recht keinen roten Faden findet und ohne Tiefe bleibt, es wird viel geredet auf den Treppenstufen, auf denen häufig hin- und hergelaufen wird, aber wenig dichte Szenen entstehen. Szenen einer Ehe werden aus diesen „Bildern einer Ehe“ nie. Die interessanteste Figur der knapp dreistündigen Inszenierung ist die dazu erfundene zweite Cosima, wie Ulrike Barthruff sie spielt. Sie beobachtet, leidet mit, mal kommentiert sie, mal spricht sie Sätze der „echten“ Cosima zu Ende, einmal stehen sie nebeneinander an der schon ausgesuchten Gruft. Sie kann nichts mehr ändern an dem Leben, das da nochmal vor ihr abläuft, das erwünschte, geplante gemeinsame Sterben erfüllt sich nicht, aber „ihn zu überleben, war eine Katastrophe“. Am Ende aber, dann doch noch zu Wagner-Musik, steht sie hoch oben auf den Stufen im Licht – eine Siegerin?

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