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Fade Scheinwelt

Beau Willimon: Tage des Verrats

SchauspielPremiere:  (DSE)   Theater: Staatstheater Mainz
Regie: K. D. Schmidt   Foto: Andreas Etter   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Björn Hayer am 08.06.2020

Washington: ein Pfuhl aus Lügen und Intrigen. Dass dieses Epizentrum der Macht kein echter Platz für Idealisten ist, wissen wir spätestens seit der Erfolgsserie „House of Cards“. Inzwischen hat deren Autor Beau Willimon mit einem nicht minder kulturpessimistischen Theaterstück nachgelegt, dessen deutschsprachige Erstaufführung von K. D. Schmidt just auf die Bühne des Mainzer Staatstheaters gebracht wurde. Erneut tauchen wir in eine Welt der US-Elite, gezeichnet von Amoral und Dekadenz, ein. Doch worin besteht der Mehrwert der Live-Inszenierung gegenüber ähnlichen filmischen Annäherungen an das verkommene, üble und gänzlich böse Sündenreich der Politik? Dies entpuppt sich als eine Frage, auf welche die Regie bis zuletzt keine befriedigende Antwort liefert.

Geboten wird ein fader, wenig Neues erzählender Gesellschaftsthriller: Um dem Gourverneur zum Sieg in den Vorwahlen zur Präsidentschaftswahl zu verhelfen, sind Stephen Bellamy (Julian von Hansemann) fast alle Mittel zur Lenkung der Berichterstattung recht. Allein die Freundschaft zu seinem Vorgesetzten Paul Zara (Klaus Köhler) gilt ihm anfangs noch als hoher Wert. Als ihn jedoch ein Angebot zum Wechsel zur Gegenseite erreicht und die Hinterzimmerbesprechung öffentlich wird, verliert der Protagonist, bis dahin ein aufgehender Stern unter den jungen Pressesprechern, jeglichen Zuspruch. Seine Unterstützer lassen ihn fallen und er selbst lässt in seinen Racheplänen jedwede Skrupel, mithin die letzte vertraute Beziehung zu einer jüngeren Frau, hinter sich.

Macht korrumpiert, höhlt Mensch aus, wirkt geradezu blutsaugerisch-vampiristisch. Sie zerschmettert Werte wie Loyalität und Verbindlichkeit – so die Aussagen dieses Stückes, das sowohl mit seinem vorhersehbaren Plot als auch mit seinem klischierten Blick auf die Politik geradezu populistisch anmutet. Leider vermag auch die Inszenierung nichts zu retten. Nicht nur hätten die redundanten Dialoge der ohnehin stereotypen Figuren deutlich gekürzt werden müssen, auch der Regie hätten einige Einfälle gut getan. Kaum eine erwähnenswerte Metapher, kaum ein bühnentechnischer Kniff finden sich in der Vorstellung. Obwohl die Schauspielerinnen und Schauspieler ihr Bestes präsentieren – insbesondere der mehr und mehr zum Wahnsinn abdriftende Julian von Hansemann sowie die seine Geliebte Molly verkörpernde Elena Berthold sind zu erwähnen –, zieht das Stück ohne jeden Funkenschlag an einem vorüber.

Einzig die von Thomas Drescher gestaltete Kulisse liefert einen nennenswerten Akzent: Zu sehen sind drei schief in die Höhe ragende, begehbare Balken, auf denen sich Autokarosserien befinden. Sie verbildlichen einerseits den so steilen wie vermeintlich schnellen Aufstieg zum Olymp der Mächtigen, andererseits stehen allen voran die leeren Fahrzeuge für eine Scheinwelt, die ebenso durch das die Bühne dominierende und Reinheit signalisierende Weiß unterstrichen wird. Darüber legen sich zum Szenenwechsel oft schwer erkennbare Projektionen von Zahlenwerten aus den Nachrichten. Sich auf dieser ohnehin statischen Architektur auszuruhen, ist angesichts eines sowieso unambitionierten Textes fatal. Das Staatstheater Mainz wagt sich mit der Premiere von „Tage des Verrats“ zwar somit aus der Corona-Deckung. Das verdient zunächst Lob und Zuspruch. In ästhetischen Belangen gibt es allerdings, wie man neudeutsch sagt, noch etwas Luft nach oben.

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