Isaac Lee und Anne Preuß liegen sich auf den Knien in den Armen. Im Vordergrund sind bunte Blumen zu sehen.

Die Frau ohne Licht

Eugen d’Albert: Tote Augen

Theater:Theater Altenburg Gera, Premiere:28.03.2025Regie:Kay KuntzeMusikalische Leitung:Ruben GazarianKomponist(in):Eugen d’Albert

Am Theater Altenburg Gera inszeniert Kay Kuntze die wenig aufgeführte Oper „Die toten Augen“ von Eugene d’Albert. Darin setzt eine Frau alles daran, die Welt und ihre Mitmenschen zu sehen, nur um dann vor der Straftat ihres Mannes die Augen zu verschließen.

Wenn die Musik von Richard Strauss ein musikalisches Hochgebirgsmassiv aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist, dann könnte man Eugene d’Alberts (1864-1932) Musik durchaus als ein Vorgebirge davon betrachten. Bei der jüngsten Ausgrabung im 1902 erbauten Opernhausschmuckstück in Gera kommen einem jedenfalls solche Bilder in den Sinn. Bei d’Alberts 1916 in der Semperoper Dresden uraufgeführtem 90-minütigen Werk „Die toten Augen“ steht zwar keine Frau ohne Schatten im Zentrum, aber – wenn man so will – eine Frau ohne (Augen)-Licht.

Das Zweistädtetheater im Osten Thüringens glänzt immer wieder mit diversen Fundstücken. Auch diesmal lauscht man mit Spannung und Genuss einer Musik, die man live nirgends sonst zu hören bekommt. GMD Ruben Gazarian entwirft mit dem Philharmonischen Orchester Altenburg Gera ein faszinierendes Klanggemälde, dessen Farbenpracht ebenso in den Bann zieht wie die lyrischen leisen Töne. Dazu kommt ein erstklassiges Ensemble und eine Inszenierung des Hausherrn Kay Kuntze, die in der Ausstattung von Markus Meyer das aufgespürte Erbstück ernst nimmt und gerade soweit von seiner historisierenden Story in die Entstehungszeit der Oper verlegt, dass die Geschichte auch bei ziemlich kruden Wendungen noch nachvollziehbar bleibt und nicht ins Historisieren abgleitet.

Das volle Farbspektrum

Dabei ist diese Frau ohne Augenlicht zwar auch auf die damals zeittypische Überwältigung angelegt, aber längst nicht so verstiegen wie beispielsweise „Die Frau ohne Schatten“ vom übermächtigen bajuwarischen Konkurrenten Strauss. Keine Kinder, kein Kaiser, kein Geisterfürst. Ein Wunder freilich entfaltet im Zentrum des Stückes mit voller Orchesterwucht und Farbigkeit seine ganze Pracht. Da eröffnet sich die Welt des Lichts auch in einer projizierten Explosion der Farben auf der Bühne. Vielleicht kannte Béla Bartók das, als er zwei Jahre später die Türen in Blaubarts Schloss auffliegen ließ.

Das Licht- und Farbenwunder wird bei d’Albert (und seinen Librettisten Marc Henry und Hanns Heinz Ewers) sogar von dem zwar nicht mitspielenden, aber einmal zu vernehmenden Jesus von Nazareth persönlich bewirkt. Da alle Welt davon überzeugt scheint, dass er Blinde sehend machen kann, lässt sich die von Geburt an blinde Griechin Myrtocle darauf ein. Schon, weil Franziska Weber als Maria von Magdala von diesen Fähigkeiten mit durchdringender Vehemenz kündet. Als Myrtocle begeistert Anne Preuß vokal und darstellerisch in allen Facetten dieser zentralen Rolle! Sie will unbedingt ihren Mann, den römischen Sondergesandten in Jerusalem, Arcesius, mit eigenen Augen sehen. In ihrer Phantasie stellt sie sich ihn so schön wie Apollo vor. (Wobei man sich fragt, woher sie diese Vorstellung hat, denn sie hat ja nie, also auch keinen Mann, je gesehen. Aber egal.) Arcesius ist äußerlich aber das genaue Gegenteil. In diese Rolle überwältigt Alejandro Lárraga Schleske vokal, dosiert aber das hässliche Erscheinungsbild maßvoll.

Vor dem Tod die Augen schließen

Nach dem Wunder kommt es, wie es kommen muss: Als Myrtocle ihr Augenlicht empfangen und sich für die erste sehende Begegnung mit ihrem Gatten geschmückt hat, hält sie dessen attraktiven Freund und Begleiter, den Hauptmann Galba, für den Mann ihrer Träume und fällt ihm um den Hals. Der mit betörendem Schmelz aufwartende Issac Lee spielt den Mann, der diese Frau schon immer unglücklich liebt, überzeugend differenziert. Arcesius rastet darauf hin aus und erschlägt ihn in einem Anfall von Eifersucht. Myrtocle hält den Mörder ihres vermeintlichen Gatten für ein wildes Tier. Als sie über ihren Irrtum aufgeklärt wird, weiss sie – jetzt ganz im Tragödienmodus – keinen besseren Ausweg, als durch exzessives Starren in die Sonne wieder in ihr (vermeintliches?) Glück der Blindheit zurückzukehren.

In der Inszenierung bleibt Amor (Tänzer Davit Vardanyan schwebt als schöner Liebesengel durch den Raum) metaphorisch auf der Strecke. An dessen Anblick konnten sich bis dahin nur die blinde Myrtocle und wir uns erfreuen. In dem großornamentig ausstaffierten, aber nicht überladenen großbürgerlichen Salon versuchen schließlich die wieder Erblindete und ihr Mann irgendwie einen Neustart an der gedeckten Tafel. Sie behauptet den „Mörder“ ihres vermeintlichen Gatten nicht gesehen zu haben und er, dass er ihr das glaubt. Wir wissen es freilich besser.

Gera ist mal wieder ein Coup auf hohem musikalischem und szenischem Niveau gelungen, den man nicht versäumen sollte!