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Es kommt der Mann an der Kante von Ulro

Maria Milisavljevic: Beben

Premiere:  (UA)   Theater: Pfalztheater Kaiserslautern
Regie: Fanny Brunner   Foto: Pfalztheater Kaiserslautern 
Von Björn Hayer am 13.04.2017

Eine behagliche Welt im Kleinformat: Wohnblöcke aus Holz, Autos auf winzigen Pappaufstellern, Playmobilfiguren. Um daran teilzunehmen, muss man nicht das Haus verlassen. Den Figuren in Maria Milisavljevics Stück „Beben“, welches nun in einer ausgezeichneten Uraufführung am Pfalztheater zu sehen ist, genügt ein Bildschirm oder der Blick vom Balkon hinunter, um sich über das Kleinklein ihrer Mitmenschen zu amüsieren. Gäbe es da nur nicht diese neuerdings auftretenden und titelgebenden Erderschütterungen (man vernimmt einen grassen Basssound). Während die namenlosen Protagonisten des Dramas (Marie Scharf, Marsha Zimmermann, Oliver Burkia, Daniel Mutlu, Luca Zahn) zwischen TV- und Youtubekonsum noch ein weitestgehend sorgloses Dasein führen, ahnt der Zuschauer längst, was ihnen blüht. Denn eine so allmächtige wie ominöse Gottesgestalt namens der „Mann an der Kante von Ulro“ (ein großartiger Stefan Kiefer) wird die Wände ihrer saturierten Existenzen zum Einsturz bringen.

Da sich der virtuose Text als eine Collage von Assoziationen und unterschiedlichsten Episoden darbietet, in dem sich Einsamkeit, Verdrängung und Selbstverblendung der Figuren vermischen, kann die Regisseurin Fanny Brunner in ihrer Realisierung aus dem Vollen schöpfen. Wir schauen auf einen Tisch mit weißer Decke, darauf jene Mikrowelt, die bald einem Schlachtfeld gleichen wird. An den Seiten des Spielfelds prangt in großen Lettern Ludwig Wittgensteins bekanntes Bekenntnis „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“. Dazwischen huschen die Protagonisten mit ihren Träumen und Ängsten, die mal als Karikatur, mal in bewegenden Kleinporträts erscheinen. Zum Beispiel erzählt eine der Frauen von ihrer Furcht vor der Welt oder legt berührend und verstörend zugleich dar, wie gern sie vergewaltigt werden würde, um anschließend in den Genuss einer öffentlichen Anteilnahme zu gelangen. Zutiefst traurig mutet diese intime Selbstausstellung in einer Fülle an Bildern und Metaphern an.

Als wenig später dann der Mann von Ulro (als rot gekleideter Schelm) aus seiner Tasche grüne Gummisoldaten zieht und sie auf die inzwischen eingestürzte Stadt wirft, bricht ein grotesker Krieg um Leben und Tod aus. Was hilft da noch? Richtig: die Liebe, entfesselt in einer urkomischen Farce. Die Fliehenden nehmen sich mit aufgesetzten Blumenkränzen an die Hände und verhelfen dem Hippiezeitalter zu einer kurzen Renaissance. Was kann man da noch sagen? Nichts, man lächelt und ist zugleich melancholisch. Der Aufführung dieses zivilisationskritischen und in jeder Sekunde starken Wachmachers kann man nur viele Zuschauer wünschen!

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