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Es gibt kein Zurück

Friedrich Hebbel, Lea Ruckpaul: Die Nibelungen. Kriemhilds Rache

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Düsseldorfer Schauspielhaus
Regie: Stephan Kimmig   Foto: Thomas Rabsch 
Von Andreas Falentin am 02.10.2021

Ein komplexer Abend: Am Ende eine Uraufführung, in der Mitte 80 Minuten aus Friedrich Hebbels 1862 uraufgeführten „Nibelungen“. Die bestehen eigentlich aus einem einaktigen Vorspiel („Der gehörnte Siegfried“) und den fünfaktigen Tragödien „Siegfrieds Tod“ und „Kriemhilds Rache“. Wenn man das alles ungestrichen aufführen wollte, gingen gewiss acht Stunden ins Land. Dazu kommt, dass in Düsseldorf aus der den Theaterabend benennenden zweiten Tragödie allenfalls ein paar Versfetzen Verwendung finden. Also scheint „Kriemhilds Rache“ der Titel des brillanten „Nachspiels“ der Schauspielerin Lea Ruckpaul zu sein.

Doch wir wollen am Anfang beginnen. Der findet gleichsam im Zwischenakt statt, von der Handlungszeit her zwischen Hebbels beiden Tragödien. In dem Zeitraum, über den der Dichter der Vorlage, des „Nibelungenliedes“ einfach hinweg geht. Zwischen Siegfrieds Tod und Kriemhilds durch hunnische Brautwerber aufgeweckten Rachephantasien liegt lange Trauer.

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Auf der Düsseldorfer Bühne trauert Kriemhild im heutigen Ein-Zimmer-Appartement, in hygienisch perfekter Trostlosigkeit. Links die Küchenzeile, dann Bett und Schrank, rechts das Badezimmer. Am kleinen Esstisch sitzt Siegfrieds Geist und wird blutiger und blutiger. Jede Nacht träumt Kriemhild von dem Wald, in dem ihr Gatte ermordet wurde. Dann wacht sie auf, macht sich Tee oder wäscht sich das Gesicht, isst ein Brot oder putzt sich die Zähne. Und sie schlüpft in ihre Pantoffeln und öffnet den Schrank und zieht ihren Bademantel an. Einmal wählt sie ein schickes Kleid aus und will die Wohnung verlassen, einmal setzt sie zu einem Telefongespräch an, beides gelingt nicht. Lea Ruckpaul spielt nicht viel, ihr Gesicht ist eine große Projektionsfläche, die Spannung ist dicht. Man fühlt sich erinnert an Kornel Mondruczos Mini-Familienaufstellungen, etwa das Mutter-Tochter-Drama in „Evolution“ oder die zerbrechende Ehe nach einer Fehlgeburt in „Pieces of a Woman“. Auch Kroetz‘ „Wunschkonzert“ scheint nicht fern. Es könnte übrigens auch einfach die dramatische Gestaltung eines Lebens in oder nach der Pandemie sein. Was ein weiteres Mal weh tut.

Storytelling vor Rundhorizont

Dann ist wieder Sonntag, die Wohnung fährt hinaus. Es erscheint ein riesiger grauer Rundhorizont. Vor dem wird erzählt. Von Siegfried, dem stärksten Mann der Welt, der Kriemhild liebt, deren Bruder Gunther ihn dazu bringt, für ihn um Brunhild, die stärkste Frau der Welt zu werben und sie schließlich auch noch im Schlafzimmer zu bezwingen, wobei Siegfried einen Gürtel mitnimmt, den Kriemhild findet und Brunhild zeigt, wodurch diese die Zusammenhänge durchschaut, wonach sie verlangt, dass Siegfried getötet wird, was Hagen erledigt, nachdem er Kriemhild dazu gebracht hat, ihm zu verraten, wie Siegfried verwundet werden kann. Diese spannende, vor allem aber bis zum Ekel hässliche Geschichte macht Stephan Kimmig erlebbar, ohne sie plan drastisch auszuspielen. Das gelingt, weil er in den Kostümen von Sigi Kolpe grandiose Ko-Erzähler hat und weil das Ensemble einfach phantastisch ist. Allein die Leichtigkeit, die Selbstverständlichkeit, mit der Lea Ruckpaul ungewöhnlichste Dinge tut! Da wäre das schwerelose, ausufernde, unglaublich witzige Tänzchen zu Siegfrieds Tänzchen genauso zu nennen wie ihre sekundenkurzen, aber extrem prägnanten Aneignungen der Mutterfiguren, der Amme Frigga und der Königin Ute. Minna Wündrich ist ihr eine ebenbürtige Partnerin. Ihre Brunhild ist groß, selbstbewusst bis zur Coolness und doch fast ein Kind dabei. Wunderbar spielt Wündrich mit der großen Stärke und Schwäche ihrer Figur: Dem Nicht-dazu-gehören-Wollen.

Die Männer sind dagegen furchtbare Figuren, geradezu Archetypen zivilisatorischer Fehlentwicklungen: Das selbstverliebte Jüngelchen, das immer Platzhirsch sein muss, aber nichts dafür tun möchte (in doppelter Hinsicht blass: Josha Baltha als Hagen); der Möchtegern-Gutmensch, der sich aber von seinen Bedürfnissen bestimmen lässt und auch noch stolz darauf ist, diesen Zwiespalt in sich elegant zu präsentieren (Andreas Grothgar als Gunther); schließlich der Kraftmeier, der seine Kraftmeierei nie in Frage stellt, aber doch so gerne ein sanfter Löwe wäre (Florian Lange als sehr präsenter Siegfried). Bah!

Diese 80 Minuten weitestgehender Originaltext werden von allen übrigens brillant gesprochen. Der heutzutage nicht sehr angesehene Dithmarscher Dichter Hebbel wirkt kein bisschen verschroben oder altbacken, was ein echtes Verdienst ist.

Nach Siegfrieds Tod wird es irgendwann still. Und in diese Stille dringen die beiden Schauspielerinnen mit Waffen in beiden Händen, drängen Gunther und Hagen an die Wand und schießen und schießen und schießen. Das Appartement kommt zurück und sie reden. Über das Frausein, ausgehend von den Frauenfiguren in Hebbels Stück, von Brunhild, die lange versucht, sich vom männerdominierten System freizuhalten und diesem etwas entgegenzusetzen, und von Kriemhild, die hier eigentlich nur als Spielzeug und Ware existiert.

Dringliche Textfläche als Nachspiel

Wir sind im Nachspiel angekommen. Die Schauspielerin Lea Ruckpaul hat es verfasst. Es verrät sprachliche Meisterschaft und persönliche Wut und Not. Wir können nicht jedem Satz, jeder inhaltlichen Wendung folgen, verstehen nicht jedes Symbol. Aber es ist großartig zu erleben, wie dieser neue Text diese beiden Schauspielerinnen ganz nah zusammenführt. Lea Ruckpauls Stück hat keine Handlung, aber Dringlichkeit. Er ist sozusagen eine überschaubare, eine eingezäunte Textfläche. Da sie aber als so persönlich wahrgenommen werden kann, wird sie zur Poesie, zum großen Gedicht. Was sehr schön ist. Zumal sich dann noch die Perspektive ändert, vielleicht darf man sogar sagen: erweitert. Von der Frau zum Menschen. Noch einmal tauscht Bühnenbildner Oliver Helf die Wohnung gegen den Rundhorizont. Noch einmal kommen die drei Männer dazu – wenn auch mit einem letzten inszenatorischen Seitenhieb ihres Regisseurs ausgestattet: Sie tragen Mäntel und schlecken Eis am Stiel. Und jetzt wird darüber gesprochen, worüber wir alle so oft sprechen heutzutage: Wo sind wir bloß hingeraten und wie, wohin können wir weitermachen? Auf eines einigt sich das Ensemble in Lea Ruckpauls Text. Es sind die letzten Worte: „Es gibt kein Zurück!“. Der Applaus im halb voll besetzten Haus ist lange und herzlich. Man möchte der Aufführung viele Zuschauer wünschen und der Autorin Lea Ruckpaul bald die Möglichkeit, mit ihren dringlichen, poetischen Texten einen ganzen Abend zu füllen.

Fußnote: Das war also maximal 15 Prozent von Christian Friedrich Hebbels Text. Und doch ist diese Aufführung werktreu wie wenige. Weil eben nicht der Rezeptionsgeschichte, dem „deutschen Mythos“ nachgespürt wurde, sondern aus dem Text extrahiert wurde, was heute dringlich ist. Weil Stephan Kimmig mit diesem Text stringent, teilweise sogar liebevoll umgeht. Vor allem aber, weil der ganze Abend, und besonders Lea Ruckpauls Nachspiel, mit jenem Zwiespalt umgeht, der das Zentrum von Hebbels Gottes- und Gesellschaftsbild und also auch von seiner Dramatik war. In einem Brief an Elise Lensing im Jahr 1837 hat er es genannt: „Das Gefühl des vollkommenen Widerspruchs in allen Dingen.“ Willkommen im 21. Jahrhundert.  

 

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