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Erinnerungsarbeit in der Zukunft

Mohammad Al Attar: Damaskus 2045

SchauspielPremiere:  (DSE)   Theater: Theater Freiburg
Regie: Omar Abusaada   Foto: Laura Nickel 
Von Bettina Schulte am 20.11.2021

Wir schreiben das Jahr 2045. Nach dem endlich doch beendeten Krieg, der Hunderttausende das Leben gekostet und die weltweit größte Flüchtlingswelle seit dem Völkermord in Ruanda ausgelöst hatte, prosperiert Syrien wieder. Kaum zu glauben. Das ist die Ausgangssituation von Mohammad Al Attars Theaterstück „Damaskus 2045“ – das nicht ganz zufällig 100 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs spielt.

Interessanterweise ist es eine Auftragsarbeit für das Teatr Powszechny in Warschau gewesen, die das Freiburger Theater unter seinem auf europäisches Theater spezialisierten Intendanten Peter Carp übernommen wurde. Es geht dem im Berliner Exil lebenden syrischen Autor nicht um eine Analyse – oder gar Aufarbeitung – des komplexen Kriegsgeschehens. Dafür sind Mittel des Theaters unzureichend. Ihm geht es um Erinnerungspolitik. Schauplatz ist daher ein historisches Museum in Damaskus, das der (auch für die leicht futuristischen Kostüme) verantwortliche Bühnenbildner Bissane Al Charif in größter Reduktion auf die Freiburger Bühne gebracht hat: Eine Bank, ein mit Lichtleisten gegliederter schwarzer Boden, eine die ganze Breite der Rückwand einnehmende Videoleinwand und ein von der Decke hängendes bewegliches Kunstobjekt, das aus Papierbögen besteht und als Projektionsfläche dient.

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Schweigen und Albträume

Es ist eine minimalistisch kühle Versuchsanordnung, die den Schauspielerinnen und Schauspielern wenig Raum für Seelentiefen auslotende Auftritte lässt. Angela Falkenhan ist mit einem seitlich abstehenden Zopf die Museumsleiterin, die ihre Rede zu Eröffnung des Hauses mit den üblichen Floskeln probt. Holger Kunkel gibt in einem saloppen Mantel mit großen aufgenähten Taschen den Geheimdienstchef Adam, einen alten Fuchs und Mentor seines Nachfolgers Sam, der bei Moritz Peschke reichlich blass bleibt. Und dann gibt es noch Adams Tochter Leila (Gioia Osthoff) und den Neurologen Dr. Nader (Tim Al-Windawe).

Ihnen allen kommt die darstellerisch undankbare Aufgabe zu, den Zustand politisch verordneter Amnesie plausibel zu machen. Den Menschen ist die Erinnerung an die brutale Vergangenheit ausgetrieben, der Sieger, Assad, schreibt die Geschichte. Und in dieser Lesart gibt es nur einen Schuldigen für das Desaster: die Terrororganisation IS, der sogenannte Islamische Staat. Doch das Trauma lässt sich nicht zum Schweigen bringen. In Albträumen kehren die Gräuel des Krieges wieder, in Splittern, hochschießenden Bildern der toten Schwester, des abgeführten Vaters.

Die emotionale Wucht von Omar Abusaadas trockener Inszenierung ist auf die Leinwand verlagert. Sie zeigt erschütternde Bilder des total zerstörten Aleppo, die Großaufnahme eines Jungen mit unendlich traurigen Augen (es ist wohl Sam, der durch einen militärischen Angriff seine Eltern verloren hat und ohne Familiengeschichte in einem Waisenhaus aufwuchs), eine Straßenszene mit Jugendlichen ohne Gesicht. Wie lässt sich nach einer Katastrophe weiterleben, ohne sich ihr zu stellen? Was ist historische Wahrheit? Diese Fragen sind ubiquitär: Sie haben sich in Deutschland nach Krieg und Völkermord ebenso gestellt. Und in Polen versucht die Regierung jetzt massiv, das ihren nationalistischen Bestrebungen gemäße Geschichtsbild in den Schulen zu verbreiten, nachdem Polen lange Spielball machtpolitischer Interessen gewesen ist.

„Damaskus 2045“ regt stark zum Nachdenken an. Es beweist – selten genug in dieser Zeit – die Relevanz von Theater. Schlüssiger wäre es allerdings gewesen, das Stück mit syrischen Schauspielerinnen und Schauspielern zu besetzen. Die Aufführung hätte damit um einiges an Glaubwürdigkeit gewonnen.

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