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Endlose Erstarrung

Anton Tschechow: Iwanow

SchauspielPremiere: Theater: Schauspielhaus Bochum
Regie: Johan Simons   Foto: Monika Rittershaus   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Jens Fischer am 19.01.2020

Wenn Iwanow nach über vier Stunden von der Bühne verschwindet und ein lauter Schuss von der Selbsterlösung und -verurteilung des Protagonisten kündet, ruft jemand lauthals aus den hinteren Parkettreihen des Bochumer Schauspielhauses: „Das wurde auch Zeit.“ Klar, so wird die Atmosphäre der Aufführung gestört, es ist auch ungehörig den anderen Premierenbesuchern gegenüber, sie noch vor dem Schlussapplaus mit der eigenen Meinung zu belästigen. Aber der Einwurf trifft leider ins Schwarze: Dieser Iwanow nervt einfach mit seiner immer und immer wiederholten, endlos larmoyanten Abrechnung mit sich und der Welt. Er und ein ihm ähnliches, das Dasein chronisch antriebslos als langweilig bezeichnendes und in Wodkaräuschen verdrängendes Stückpersonal sollen wohl auch als lethargisches Gesellschaftspanorama nerven. Laut Regisseur Johan Simons ist Anton Tschechows Iwanow ein typischer Vertreter unserer Zeit, Spiegelbild der Zuschauer also, die er nun so lange mit ihrer antriebslosen Lebenseinstellung konfrontiert, bis zumindest der eine oder andere kathartisch erleuchtet nach Hause flüchtet und einfach mal was anpackt. Denn vielleicht sind Iwanow & Co. nicht von Ohnmacht überwältigt, sondern von Faulheit.

Jens Harzer ist Iwanow. Erschlafft wie der redensartige Schluck Wasser in der Kurve hängt er auf bereitgestellten Stühlen ab, schlendert auch mal schlurfig herum, zieht gern die Schultern ratlos hoch, seine Blicke suchen vergeblich Halt. Gern schweigt er nölig. Lieber aber spielt er zwischen echter Verzweiflung, schmerzender Scham und eitler Mauligkeit höchst artifiziell mit den melancholischen Klangfarben seiner Artikulation. Ja, als junger Mann war er ein feurig vitaler Idealist, voller Ideen und Glauben im Kampf für eine bessere Welt. Die anderen Mannsbilder stimmen ein in die Nostalgie, in der Jugend geglüht, gebrannt zu haben. Nun ist aller Energie erloschen. Der Geist von innen zerfressen. Iwanows Gutshof zerfällt, seine Konten sind chronisch leer, seine Frau liegt im Sterben. „Ich fühle weder Liebe noch Mitleid, es ist mir eigentlich egal.“ Nun kann man Iwanow philosophisch hochjazzen als Mann, der die Sinnlosigkeit des Lebens in aller Absurdität erkannt hat und irgendwie kleistisch daraus seine Konsequenzen zieht. Aber eigentlich ist er in Bochum ein klassischer Fall von Burn-out. Klinische Depression. Er tut einfach nichts mehr als sich über sich und alle anderen zu beklagen, Freunde und Verwandte zur Abwechslung mal zutiefst zu verletzen, in Gesellschaft den Clown zu mimen, sich dabei selbst hellsichtig zu verachten und dabei stets übellaunig zu fragen: „Wie ist das denn möglich?“ Und: „Warum sind wir alle so erschöpft?“

Hinreißend dann, wie Gina Haller als Sascha mit einer Art Krankenschwester-Syndrom ihn retten, heilen, zu alter Herrlichkeit führen und heiraten will. Scheu probt sie Anmachgesten, testet Umgarnungen, nach einem lauten Glockenschlag taumeln beide, auch körperlich füreinander erregt, umeinander und miteinander zu Boden, sie schultert ihn, will ihn hinfort tragen, aber das Aufbäumen ist nur ein kurzes. „Fliehen wir nach Amerika“, sagt Sascha. „Ich schaffe es nicht mal bis zur Türschwelle“, antwortet Iwanow. Bald findet er es eh trivial und abgeschmackt, wie in einem Liebesschnulzenroman als alter Mann von einer jungen Frau reanimiert zu werden und wird erstmals von sich aus aktiv, entwickelt eine Haltung, nämlich so viel Anstand, Sascha nicht in das Grau-in-Grau seiner paralysierten Existenz zu ziehen – bringt sich um.

Die Bühne von Johannes Schütz erzählt bereits die Geschichte der Verlorenheit, inneren Leere und Unbehaustheit. Baumstammfragmente, Äste, Wurzelreste liegen herum, die letzten Besitztümer sind als Requisiten auf einem die Bühnenrückwand füllenden Regal ausgelagert, Iwanows Herrenhaus ist nur ein Metallquaderskelett, das Szene für Szene weiter zerlegt wird. Aber den Gang ins Freie wagt hier niemand.

Regisseur Simons hält die Zügel locker. Setzt in der ereignislosen Stille der erstarrten Gesellschaft in schöner Langsamkeit auf das erlesene Schauspielhandwerk des Ensembles, das nach der Pause auch ein wenig Humor einzuarbeiten und den Figuren im Jammerlappen-Modus mehr Kontur und Tiefe zu geben weiß. Programmatisch überpräsent dürfen nur die Erfolgsfetischisten agieren: Glücksspieler (Konstantin Bühler) und der auf kapitalistisches Gewinnstreben fixierte Borkin (Thomas Dannemann). Simons nimmt sich Zeit, das Elend resignierter Menschen redundant auszubreiten, scheint gar nicht genug davon zu bekommen, ohne dass er analytisch mehr erzählt. Aller feinsinnigen Aufführungskunst zum Trotz: Es nervt, wenn die gespielte in echte Langeweile übergeht.

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