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Empörung als Seelenwellness

Dirk Laucke: Angst und Abscheu in der BRD

Premiere:  (UA)   Theater: Theater Oberhausen
Regie: Dirk Laucke   Foto: Axel J. Scherer 
Von Stefan Keim am 24.10.2011

„Empört Euch!“ An zwei Theaterabenden wird das Bestsellerbüchlein des 93jährigen Franzosen Stéphane Hessel zitiert. Und beide Male als untauglich verworfen. In Hermann Schmidt-Rahmers Inszenierung von Elfriede Jelineks „Ulrike Maria Stuart“ am Essener Schauspiel lesen RAF-Terroristen darin auf der Suche nach einer passenden Theorie für ihr Handeln. Sie zitieren bloß den Anfang, in dem Hessel sinngemäß meint, Empörung sei gut für jeden Menschen. Man solle sich doch etwas suchen, über das man sich empören könne, wenn man gerade nichts hat. Revolution als Wellnesstipp. Damit können Terroristinnen, die ihre Kinder verlassen haben wie Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof nichts anfangen. Und auch in Dirk Lauckes Politperformance „Angst und Abscheu in der BRD“ im Theater Oberhausen spielt Hessels Essay eine Rolle. Da zitiert der Schauspieler Hartmut Stanke als „Fußnote“ einen Satz, der sehr nach völkischem Denken klingt. Thema dieses Abends ist die geistige Nähe linker Aktivisten und Rechtsradikaler.

Laucke und sein Autorenkollege Matthias Platz sind im Stile des „Gonzo-Journalismus“ durch Deutschland gereist. Diese extrem subjektive Form der Berichterstattung auf der Grenze zur Fiktionalisierung entstand in den siebziger Jahren in den USA, der Titel spielt auf den Klassiker des Genres an, Hunter S. Thompsons „Fear and Loathing in Las Vegas“. Laucke und Platz erscheinen in der Theaterfassung als Kunstfiguren. Sie heißen Jörg Holz und Thomas Zaunmüller, der eine ist ein etwas schlichter Partyfan in kurzen Hosen, der andere ein verklemmter Aufklärer in Schlips und Anzug. Es ist ein lauter, wilder, betont unfertiger Abend. Originalaufnahmen werden eingespielt, manchmal übernehmen Schauspieler diese Töne und führen die Charaktere auf der Bühne weiter. Es gibt Videos, Musik, man brüllt in Mikrofone und zitiert Kleist und Adorno. Eine bewusste Überforderung des Zuschauers, die sich logisch aus den Thesen des Abends ergibt. Denn Laucke, der für die Theaterfassung allein verantwortlich ist und auch Regie führt, meint, wer sich nicht selbst in Frage stelle und kritisiere, denke schon nicht mehr demokratisch. Also ironisiert er auch seine eigenen Erlebnisse und Erkenntnisse, um gar nicht erst den Verdacht aufkommen zu lassen, er wolle hier Weisheiten verkünden.

Dennoch bleiben beunruhigende Thesen: Einwohner Ingolstadts, in deren Nachbarschaft ein – in den Niederlanden – verurteilter Naziverbrecher wohnt, verharmlosen die Grausamkeiten ebenso wie eine christliche Demonstrantin in Dresden. Sie meint, Neonazis seien doch nur rechts geworden, weil sie zu wenig Freundlichkeit und Liebe erlebt hätten. Die unglaublich wandelbare Anja Schweitzer spielt diese und viele andere Rollen mit explosiver Energie. Während der im Iran geborene Mohammad-Ali Behboudi als nörgeliger Radiomoderator berührend authentisch wirkt, wenn er völkische Ideologie bei der Hisbollah analysiert und arabische Texte auf die Rückwand schreibt. Der Erfolg des Theaters Oberhausen- das wird an diesem kruden, spannenden Abend klar – beruht auf seinem Ensemble ungewöhnlicher Schauspielerpersönlichkeiten.

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