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Emigranten auf hoher See

: The Emigrants

Premiere: Theater: Junges Ensemble Stuttgart
Regie: Kjell Moberg   Foto: Tobias Metz 
Von Manfred Jahnke am 06.05.2016

Acht Millionen Deutsche mussten aus unterschiedlichsten Gründen Deutschland verlassen. Aus politischen Gründen oder aus Armut suchten sie voller Hoffnung sich in einer anderen Welt eine neue Existenz aufzubauen. Die 14-jährige Edda Klappelberg aus Strümpfelbach bei Stuttgart gehört mit ihrem Vater, der als Lehrer aneckte, und ihrer Tante zu den acht Millionen, die zwischen 1830 und 1920 von Bremerhaven oder Hamburg aus nach Amerika emigrierten und dabei große Strapazen auf sich nehmen mussten. Oft dauerte die Fahrt insbesondere, als die Schiffe noch unter Segel fuhren, wochenlang, man war zusammengepfercht in engen Räumen, die Ernährung war einseitig und mangelhaft, das Sterben, je länger die Fahrt dauerte, alltäglich.

Wenn man sich in die Geschichten dieser Emigranten einliest, wie sie z.B. im „Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven“ aufbewahrt sind, drängen sich Parallelen zu der Situation von Flüchtlingen heute geradezu auf, die Monate, manchmal auch Jahre unterwegs sind, um aus ihren Bürgerkriegsländern Deutschland zu erreichen. Das ist der Ansatz von „The Emigrants“, als Stückentwicklung entstanden in der Kooperation des norwegischen NIE Theaters und des Jungen Ensemble Stuttgart. Es ist nicht die erste Zusammenarbeit der beiden Gruppen, die in ihren Spielweisen sich ähneln. Das NIE hat ein großes Gespür dafür, große politische Themen auf eine wunderbar leichte Weise zu erzählen und dabei mit schnellen Wechseln zwischen komischen und tiefen emotionalen Momenten zu überraschen. Die Inszenierungen strahlen dabei eine offene Hinwendung zum Publikum aus, was diesen eine eigentümliche Wärme gibt. Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass die Inszenierungen von einer großen Musikalität geprägt werden: So entstehen Revuen, die brisante gesellschaftliche Themen im Vor-Schein einer großen Unterhaltsamkeit zur Wirkung bringen.

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Auch in „The Emigrants“ entwickelt die Regie von Kjell Moberg alle genannten Stärken. Katja Ebbel Fredriksen hat dazu ein Bühnenbild konzipiert, in dessen Mittelpunkt eine großes multifunktionales Lattengerüst steht, das mal eine Schiffswand, mal das Enge, fast Gefängnishafte des Laderaumes andeutet und schnelle Wechsel ermöglicht, zumal es vom Ensemble gedreht und damit neue Räume geschaffen werden. David Pagan hat für das achtköpfige Ensemble die Musik arrangiert, wobei alle Acht eigene Instrumente spielen. Aus Bild und Klang formt Moberg eine rhythmische Struktur mit hohem Spieltempo und dem genauen Gefühl für den Break in stille Momente. Natürlich kann das nur gelingen mit einem hoch motiviertem „gemischten“ Ensemble aus beiden Theatern, das von seinem gesellschaftlichen Anliegen überzeugt ist und voller Spielfreude ist

Franziska Schmitz spielt die Edda, die voller Neugierde sich auf die Welt des Schiffes einlässt, neugierig auf andere Menschen ist, wie auf den Jungen aus Norwegen (Patrick Stenseth) und seiner Mutter (Elisabet Topp), Emil (Lucas Federhen) oder den portugiesischen Schiffsjungen Flavio, den Jessica Cuna, die zugleich auch als Erzählerin in diese Welt einführt, als jemanden spielt, der große Empathie für das Schicksal dieser Emigranten hat. Ganz anders als Hans von Alexander Redwitz, der forsch das Befehlen gewohnt ist. Je länger die Flaute andauert, um so größer werden die Entbehrungen, die die Menschen in den Wahnsinn treiben, zuerst die Tante von Prisca Maier. Als der Vater kurz vor der Ankunft in New York  stirbt, verzweifelt Edda, wird aber von Flavio wieder auf den Boden zurück geholt. Gerd Ritter spielt diesen Vater mit leisen Tönen. Hier gelingt Moberg eines der nachdrücklichsten Bilder: Das Ensemble musiziert. Ritter bearbeitet eine große Trommel, er schlägt immer heftiger, immer verbissener auf sie ein, bis er zusammenbricht und plötzlich eine große Stille eintritt, in der Ensemble und Publikum gemeinsam atmen.

Wie in seinen anderen Inszenierungen gelingt es Moberg, unaufdringlich ein wichtiges gesellschaftliches Anliegen vorzuführen. Dabei überlässt er es respektvoll dem Publikum den Transfer von Geschichten aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart zu leisten.

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