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In Einzelhaft

Richard Wagner: Tristan und Isolde

Premiere: Theater: Theater Hagen
Regie: Jochen Biganzoli  Musikalische Leitung: Joseph Trafton   Foto: Klaus Lefebvre 
Von Regine Müller am 08.04.2019

Es gibt viele Argumente, die dagegen sprechen, Wagners Riesen-Werke auf kleine Bühnen zu stemmen. Und es gibt viele Argumente, die dafür sprechen. Dagegen sprechen in der Regel und nicht zu Unrecht akustische Einwände: Der gewünschte Mischklang kann sich in kleinen Häusern nicht entwickeln, die Besetzungs-Struktur der Wagner’schen Partituren lässt den Einsatz des Blechs allzu schnell knallig klingen, die Streicherfraktionen müssen aus Platzgründen schrumpfen, die Balance leidet darunter. Alles richtig. Auf der Gegenseite steht eine willkommene Intimität, eine Nähe zu den Sängern, die nicht dreißig Meter und mehr Distanz über den klangbrodelnden Graben hinweg überwinden müssen. 

Aber eigentlich sind diese Fragen auch ganz müßig. Wenn so wie nun in Hagen ein packender, schlüssiger und künstlerisch einmütiger Zugriff auf eines der epochalen Werke Wagners gelingt, zählt nur die Summe. Und nicht der bisweilen tatsächlich sehr trockene Gesamtklang, dem man etwas mehr Raum wünschte. Aber der Reihe nach: Das Theater Hagen wirtschaftet seit langer Zeit mit minimalen Mitteln, etliche Spar-Runden hat es überstanden, als ein neuer Intendant für den 2017 scheidenden Norbert Hilchenbach gesucht wurde, musste man sich zunächst vertagen. Niemand wollte den Job an dem schmal budgetierten Haus haben.

Doch dann griff Francis Hüsers zu, ein Mann mit immenser Theatererfahrung an ersten Häusern, unter anderem der Hamburger und der Berliner Staatsoper. Hüsers ist im Herzen Dramaturg und mit dem Theater verheiratet. „Ich habe nie etwas anderes gemacht als Theater“ bekennt er sachlich und alles andere als unfroh. Er hat nicht nur seine Erfahrung, sondern auch sein riesiges Netzwerk nach Hagen mitgebracht. So inszenieren heute dort Regisseure wie Johannes Erath, der bereits an den Staatsopern München und Dresden arbeitet. Und der ebenfalls sehr gefragte Jochen Biganzoli, dessen Hagener „Tristan“ ein Wurf ist.

Wie seinerzeit Heiner Müller in Bayreuth verweigert sich Biganzoli jeder Form von äußerlich inszenierter, womöglich schwüler Erotik, sondern zeigt die „Handlung“, die ja tatsächlich als Kammerspiel konzipiert ist als eine beklemmende Studie der Einsamkeit des in die Moderne geworfenen Menschen. Wolf Gutjahrs zeitlich im Heute verortetes Einheitsbühnenbild ist unterteilt in sechs Kisten, links unten haust Isolde in schwarzen Wänden, darüber Marke in einem muffigen 50er Jahre Schlafzimmer, rechts neben beiden ist Kurwenals zugemüllter Schacht über zwei Etagen, links oben ist Tristans kahles Reich, darunter Brangänes büroartiger Verschlag mit Durchreiche und Badewanne, ein schmaler Schacht zwischen linker und rechter Bühnenhälfte dient den Nebenfiguren als Auftrittsort.

Alle Hauptfiguren sind pausenlos auf der Bühne, brüten vor sich hin, wenn sie nicht singen, Isolde schreibt rätselhafte Texte auf ihre Wände, Brangäne trinkt Hochprozentiges, Marke nimmt lieber Champagner, Kurwenal klebt Bildchen und Zettel an die Wände. Sie alle sind Isolierte, Einsame, die sich zwar in Beziehungen imaginieren, aber in Wahrheit aneinander vorbei reden, hassen und lieben. Wenn sie laut Partitur miteinander kommunizieren, reagieren die jeweils Beteiligten über die Wände hinweg. Kein Satz bleibt ohne Folgen, alle Beteiligten treibt er aber im Laufe des sogartig sich verdichtenden Abends immer tiefer hinein in die fatale Isolation und existentielle Einsamkeit. 

Biganzoli gelingen ungeheuer dichte und durchweg schlüssige Konstellationen von höchster Intensität, zumal alle Rollen idealtypisch besetzt sind. Zoltán Nyári ist ein Tristan mit kernigem Tenor, der die Fähigkeit besitzt, seine robuste Stimme auch lyrisch schlank zu intonieren. Nyáris Kraftreserven scheinen unbegrenzt, auch darstellerisch gibt er alles. Magdalena Anna Hofmann ist eine lyrisch timbrierte, zunächst fast zerbrechlich erscheinende Isolde, deren Stimmgebung zunehmend an Substanz gewinnt, auch sie beglaubigt imponierend Biganzolis Regiekonzept mit grandiosem Spiel, Kthuna Mikaberidzes Brangäne singt mit leichter Höhe und imponierender Attacke, ihre Psycho-Studie der depressiven Alkoholikerin ist bezwingend, Wieland Satter zeichnet mit Verdi-Aplomp einen dauererregten Kurwenal, Dong-Won Seo ist ein balsamisch klingender, von Anfang an erloschener Marke. Joseph Trafton im Graben gibt eine durchweg flüssige, flexible Gangart vor, das Philharmonische Orchester Hagen spielt trotz dröger Akustik eine glühenden Wagner mit hitzigen Accellerandi und hoher Binnenspannung. Insgesamt ein großer Abend und eine dringende Empfehlung an die Wagnerianer. Es gibt nur noch vier Folgevorstellungen.

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