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Einprägsame Ortsbelebung

Johannes Müller, Philine Rinnert, Paul Frick: Nothing will be archived

StreamPremiere:  (UA)   Theater: Sophiensäle
Regie: Johannes Müller, Philine Rinnert  Komponist: Paul Frick   Foto: Manuel Kinzer 
Von Roland H. Dippel am 04.12.2020

Eine Suche nach der verlorenen Ortsbelebung und erst in zweiter Linie nach der verlorenen Zeit: Eine tätowierte Hand legt ein konturiertes Foto mit dem Tempel aus Joe Mays achtteiliger Groß-Stummfilm „Die Herrin der Welt“ (1919/20) auf ein Foto der Seen bei Woltersdorf in Brandenburg. Auf dem Foto ist es Sommer. Doch während der Ortsbegehungen von Philine Rinnerts und Johannes Müllers Performern auf dem Kranichsberg ist es Spätherbst - in einem Stadium, den man mit Vorfrühling verwechseln könnte. Nichts erinnert mehr an die dort aufgebauten und nur einen Tag haltbaren Treppen für 1000 Statisten und den einmaligen Aufstieg von gleichzeitig 1000 Tauben vor Spezialkameras der Stummfilmzeit. Kleine Flächen von Saftgrün, erdige Schlieren, Geröll - das war's.

Philine Rinnerts und Johannes Müllers im Verlauf sich immer mehr mit überlagernden Zeichen und Symbolen akkumulierender Film operiert, die Landschaft als Behältnis verlorener Zeitspuren mitgerechnet, auf drei Ebenen. Zum einen in Verdopplungen von Szenen aus Jan Mays Stummfilm durch 'reale' Performer: Den Forscher mit Zwirbelbart in Orange, die schlecht singende Wiedergängerin neben der zur Leinwand-Göttin der archaischen Gesellschaft erhobenen Blonden und der mit blauer Körperfarbe als Wilder kenntliche Performer. Durch den Moderationstalk wird das technisch-kunstvolle Trugmanöver demaskiert: Dieses Blau erscheint auf Zelluloid weiß und nur in Digitalformaten 'echt'. Die Moderation liefert für fast alles eine Erklärung - Geschichte, Zahlen und Simultan-Übersetzung in Gebärdensprache. Aber sogar die Gebärdensprache ist ein Bestandteil des Pakets aus gestisch-literarisch-motorischen Faktoren. Die in den Stummfilm eingesetzten Textfenster finden sich auch in den gespielten Szenen der Gegenwart, werden so vom notwendigen Informationsmittel des Stummfilms zum Kunstmittel des Tonfilms. So wird auch Sprache die Ergänzung zum Gestenvokabular.

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Die angekündigte Reflexion über den ideologischen Hexenkessel in der Weimarer Republik und dessen Niederschlag in kulturellen Manifestationen erweist sich zahmer als erwartet. Die inhaltliche Fülle ist bestechend, doch eher geht es um Dekonstruktion von Sujets, Atmosphäre, historischem Filmmaterial und Raum. Die Macher zeigen, was sich für ein kreatives Kapital aus der Digitalisierung schlagen lässt. Eine fast schizophrene Aufladung visueller Zeichenhaftigkeit: Die Kamera richtet sich nicht nur auf das Sichtbare, sondern auch auf das Vergangene und Symbolische. Versinnbildlichung mit Zukunftspotenzial: Dieser Film propagiert möglicherweise Strukturverfahren des Theaters der zweiten Digitalisierungsgeneration. Das Spiel mit einem Foto vor einem anderen Bild gibt es schon einmal zu Beginn. Da legte eine Hand verschiedene Plakatentwürfe auf das Standfoto der „Herrin der Welt“ auf dem Thron. Diese implantieren Zielgruppen-Wirkungen: Femme fatale - mystisch, das Bummelchen - hausbacken, die Soubrette - ironisch, die Hingebende – pathetisch, mysteriös, maliziös.

Das sächsische Jahr der Industriekultur 2020 führte zu Relikten und „Nothing Will Be Archived“ ergänzt mit Assoziationen an unkenntliche Produktionsorte der Traumfabrik und ihre Materialien aus Pressspan. Der Baustoff für die filmischen Träume war also kein anderer als der für die Möbelkonfektionen im trauten Heim des Publikums.

Rinnert und Müller legen ein Koordinatensystem von symbolischen, choreographischen, und topographischen Bezügen über ihre einstündigen Film, der mit einer Totale über begrünten Laubwald bis zu Windrädern am fernen Horizont beginnt. Das assoziative Spektralnetz dehnt sich aus, streckt sich in der Zeit zurück und tritt auf der gegenwärtigen Stelle. Jedes Blatt und jeder Erdklumpen kann blosses Ambiente sein – oder sinnhaftes Zeichen. Die aberwitzige Handlung von „Die Herrin der Welt“ mit ihren Sprüngen von einem aus deutscher Perspektive beängstigendem China in das mit Opernkostümen aufgemotzte Retro-Babylon nimmt sich dagegen schlicht aus, trotz Spiegelung der entstehungszeitlichen Orientierungs- und Rastlosigkeit.

Diese poetische Dokumentation ist Mittler zwischen dem Kunstwerk, dessen Making of, Analyse und eine performative Spiegelung, die das verschwundene Unwiederbringliche als geistiges und virtuelles Artefakt beschwört, verherrlicht und kritisiert. Für sie braucht man die Bereitschaft zu entspannter, nicht verspannter Konzentration und gelassener Betrachterlaune. Wer sich auf die Einladung zum vierdimensionalen Blick auf das Dokumentarische einlässt, entdeckt Poesie. Nur dass man nicht in ein Buch fällt und von diesem aufgesogen wird, sondern von einem Mehr-als-Film, der das von ihm gespiegelte Inhalts- und Ortsmaterial seziert. Das Werk widerspricht seinem Titel. Einiges bleibt doch in Erinnerung.

Der Film ist bis einschließlich 6. Dezember auf der Homepage der Sophiensaele zu sehen.
 

 

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