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Eine Werkübertünchung in bester Absicht

Wolfgang Amadeus Mozart: Idomeneo

Premiere: Theater: Salzburger Festspiele
Regie: Peter Sellars  Musikalische Leitung: Teodor Currentzis   Foto: Ruth Waltz 
Von Detlef Brandenburg am 13.08.2019

Das erste Wort bei den Salzburger Festspielen 2019 hatte der Regisseur Peter Sellars. Seine Eröffnungsrede war ein furioser, fundierter Appell zum Kampf gegen den Klimawandel und zur Verbesserung der Welt, sie schlug einen großen Bogen vom verantwortungslosen Ressourcenverbrauch der westlichen Zivilisationen und dem Missbrauch der Meere als Müllkippe bis zum Appell zu humaner Menschenliebe und zur noch immer nicht vollbrachten Emanzipation der Frau. Wer würde solchen Idealen nicht beipflichten? Und wo, wenn nicht in Salzburg, das vor 99 Jahren als Kulturinstitution gegen die kriegerische Gefährdung der Zivilisation gegründet wurde, und das heute der geschätzte Treffpunkt jener Reichen, Schönen und Mächtigen ist, die, aus Salzburg zurückgekehrt in ihre Alltagswelt, unverdrossen ihren Beitrag zum von Sellars angeprangerten Zustand des Planeten leisten – wo, wenn nicht hier, wäre so ein Appell am rechten Ort?

Schon in der Eröffnungsrede allerdings, der die Premiere von Mozarts erster große Oper „Idomeneo“ in Sellars’ Inszenierung folgte, war irritierend, wie umstandslos der Redner seine kritische Gegenwartsdiagnose auf diese Oper projizierte. Natürlich – man spielt Mozart heute noch, weil er uns heute etwas zu sagen hat. Aber man spielt ihn doch auch, weil seine Werke etwas historisch Tiefes, Eigenes, Widerständiges in unser Denken und Diskutieren einbringen; etwas, das wir nicht, formuliert von Greta Thunberg oder Walter Steinmeier, alle Tage in der Zeitung (und nun auch im Programmheft) lesen. Ist „Idomeneo“ wirklich eine „Oper über das Meer“? Besingt das große Quartett mit Idomeneo, Idamante, Ilia und Elettra wirklich eine „Gleichsetzung von Eltern und Kindern, Männern und Frauen, Herrschern und Bürgern, Reichen und Armen, Einheimischen und Flüchtlingen?“ Als von bester Gesinnung getragene Festtags-These mag das ja angehen. Aber eine Inszenierung müsste doch mehr Respekt vor dem künstlerischen Eigensinn Mozarts haben.

Wenn Sellars aber auch in seiner Handlungszusammenfassung im „Idomeneo“-Programmheft allen Ernstes behauptet, Mozart habe im Quartett „die buddhistische Lehre der vier edlen Wahrheiten über das Leiden in Musik gesetzt“, dann zweifelt man an genau diesem Respekt. Er mag das als Künstler darin wiederfinden. Aber deshalb kann er es Mozart nicht umstandslos unterschieben. Er müsste es am Werk entwickeln – und dabei auch die eigene Gesinnung aufs Spiel setzen. Leider aber folgt seine gesamte Inszenierung dem gleichen Prinzip der Unterstellung wie seine Eröffnungsrede und seine Handlungszusammenfassung. Letztere wird nachgerade zur Gebrauchsanweisung für das szenische Geschehen, das solche Erklärung leider auch allzu nötig hat, weil es keineswegs überzeugend zeigt, was Sellars behauptet.

Auf der Bühne sehen wir transparente Plastikartefakte. Man denkt nach all den FridaysForFuture-Zitaten im Programmheft natürlich sofort an die Verseuchung der Ozeane durch eben diesen Kunststoff – nur sind diese schimmernden Meeres-Mollusken, mit denen der Bühnenbildner George Tsypin die Felsenreitschule bevölkert, viel zu hübsch, um Müll zu sein. Die Verschmutzung wird zum ästhetischen Schauwert. Oder Ilia, die Tochter des Priamos: Sie ist kein „Flüchtling“, wie Sellars schreibt und sie auch zeigt, sondern eine von den siegreichen Griechen verschleppte Kriegsgefangene. Es gibt bei Mozart auch keine „Einwanderungsbehörde“, der sie „ihren Fall“ vortragen könnte. Und wann hat man zuletzt eine derart unbeholfene Maschinenpistolen-Fuchtelei gesehen wie die, mit der zwei böse Schergen Ilia und die Ihren auf Kreta begrüßen? Die Personenführung gleitet immer wieder aus weihevollen Tai-Chi-Choreographien ab in konventionellste Affektgestik. Die Lichtorgel-Effekte (Licht: James F. Ingalls) von Tsypins emporfahrenden Säulen machen die Bühne zur Esoterik-Disco. Das Design der Overalls (Kostüme: Robby Duiveman), die Kreter in Hellblau und die Trojaner in Hellbraun, kann sich zwischen Tarnanzug und Flower-Power-Schlafanzug nicht entscheiden. Einen präzisen interpretierenden Bezug zum Werk stellt all das nicht her. Es bleibt die oberflächlich schöne Ästhetisierung einer Werkübertünchung im Sinne eigener Absichten.

Im dramaturgisch etwas drangehängten Schlussballett  (das die eigene Opuszahl KV 367 trägt und gelegentlich als Konzertstück aufgeführt wird) zelebriert der große Lemi Ponifasio dann ein Tanzritual nach samoanischer Tradition, ausgeführt von Brittne Mahealani Fuimaono und Arikitau Tentau. Im Programmheft liest man, dass dieses Ritual taualuga heißt und „den Abschluss eines großen Projekts“ und die damit verbundenen „schönen Prozesse“ symbolisiert. Den nicht vorinformiert Betrachter mag es mit seinen Klatsch-Gesten eher ein wenig an einen Schuhplattler erinnern. Immerhin ist so die Weltregion auf der Bühne präsent, die unter einem Meeresanstieg am schlimmsten leiden wird – im letzten Jahr hatte sich Samoas Premierminister Tuilaepa Sailele deshalb mit einem geharnischten Appell an die Weltöffentlichkeit gewandt. Aber auch das bleibt ein Effekt, dessen Gebrauchsanweisung man sich aus dem Programmheft holen muss. Und als schließlich eine Multikulti-Phalanx der miteinander versöhnten Menschheit in allen möglichen Trachten, Uniformen und Standesroben aufmarschiert, da wird auch Mozarts widerständigste Figur umstandslos eingemeindet: die vom Schicksal tragisch gezeichnete, von Idamante verschmähte Elettra.

Der Hang , sich das Werk verfügbar zu machen, zeigt sich auch in den Strichen, die Sellars und sein Mitstreiter, der Dirigentenstar Teodor Currentzis, gesetzt haben. Natürlich muss man Mozarts „Idomeneo“ nicht ungekürzt spielen. Das Ballett beispielsweise ist durchaus verzichtbar. Aber warum einerseits viele Rezitative und einige Arien fehlen, stattdessen aber eine Nummer aus Mozarts Bühnenmusik zum Schauspiel „Thamos, König in Ägypten“ KV 345 und anderes einfügt wird, erschließt sich nicht. Es wird im sonst um Erläuterung nie verlegenen Programmheft auch nicht offengelegt. Auch Currentzis’ Dirigat zielt nicht zuletzt darauf, sich in seiner Eigenwilligkeit zu exponieren. Er dirigiert durchaus kontrastreich und vital, zelebriert aber vor allem eine Kunst des mirakulös Zarten, der bedeutungsvollen Verzögerung, der klaffenden Pause vor der Heimkehr zur Tonika, bei der das Wie wichtiger wird als das Was. Wobei man allerdings zugeben muss: Das Wie ist atemberaubend. Das überwiegend stehend musizierende Freiburger Barockorchester reagiert auf den tanzenden Dirigenten, der den Klang mit seinem ganzen Körper zu modellieren scheint, mit einer schier unglaublichen Genauigkeit und Gewandtheit, Currentzis’ eigener musicAeterna Choir aus Perm geht mit einer phänomenalen Perfektion und Klangschönheit zu Werke.

Und mit Paula Murrihys herbdunkel abgetöntem Idamante und Ying Fangs wunderfeiner Ilia sind zwei Stimmen auf der Bühne, die noch im zartesten Piano schier atemberaubend miteinander verschmelzen können. Während die Männerstimmen, vor allem Russell Thomas als in meiner Vorstellung seltsam belegter und blasser Idomeneo, eher mittelmäßig bleiben.

Eine Klasse für sich aber ist Nicole Chevalier als Elettra – auch weil sie mit ihrem energetischen Sopran einen Kontrapunkt zum delikaten Schönklang der Aufführung setzt, ohne deren stilistische Grenzen zu sprengen. Schon ihre Arie im zweiten Akt ist ein zu Herzen gehender kleiner Ausbruch. Und ihre furiose Eruption in Qual und Selbstzerstörung am Schluss, als sie Idamante endgültig an Ilia verliert, ist ein Ereignis: Klar in Linie und Klang, auflodernd im Furor erinnert Nicole Chevalier damit an ein Menschenbild Mozarts, das sich sowohl dem milden Licht der Aufklärung, das das Finale verbreitet, als auch dem treuherzigen Versöhnungsgestus der Inszenierung widersetzt, weil auch der Blick in finstere Abgründe zur menschlichen Wahrheit gehört. Diese Frau ist für Friede, Freude, Eierkuchen nicht zu haben. Das zu erleben war an diesem Abend geradezu wohltuend.

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