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Eine neue Monadologie

nach Anton Tschechow: Platonowa

SchauspielPremiere: Theater: Schauspiel Hannover
Regie: Stephan Kimmig   Foto: Katrin Ribbe/Schauspiel Hannover 
Von Andreas Falentin am 14.09.2019

Gottfried Wilhelm Leibniz war Philosoph und Mathematiker, Historiker und Jurist. Er ist 1716 in Hannover gestorben, weswegen die dortige Universität nach ihm benannt ist. Eins seiner Haupwerke ist die "Monadologie", in der Leibniz die These aufstellt, dass alle Menschen letztlich Einzelweisen bleiben, dass eine wirkliche Begegnung, ein gemeinsames Schwingen, ein Beieinandersein Illusion ist und notwendig bleiben wird.

Fast scheint es, als habe Stephan Kimmig sich für seine Tschechow-Fantasie an den alten Hannoveraner erinnert. Er folgt der "Platonow"-Bearbeitung von Thomas Brasch, die er mit dem Ensemble klug um Fremdtexte und die von Michael Verhovec ausgewählte, teils neu komponierte und arrangierte Musik ergänzt hat. 13 Menschen erleben wir auf der Bühne, die nach sich selber suchen, von Liebe und Beziehungen träumen, aber fast alle keine Handbreit von sich selber, von ihrer Vorstellung ihres eigenen Lebens abweichen wollen. Das steckt durchaus in Tschechows erstem Stück und wird in Kimmigs Inszenierung verstärkt und zugespitzt, was aber wenig damit zu tun hat, dass etliche Rollen sozusagen das Geschlecht gewechselt haben. Jetzt sind eben alle Männer Trottel oder Geschäftsleute und fast alle Frauen interessieren uns. Das erfindet das Stück nicht neu, stört aber nicht, sondern gehört zu einem Konzept, das letztlich vor allem aus einem Grund greift.

Es ist Stephan Kimmig gelungen, viel besser übrigens als Laura Linnenbaum mit ihrer Bühnenversion von Philip K.Dicks Roman "Zeit aus den Fugen" zwei Tage zuvor, das große gemeinsame Wollen, dass fast jeder Neuanfang einer Intendanz an einem Theater hervorbringt, in Bühnenenergie umzusetzen. Man spürt in jedem Moment die Lust, etwas Besonders zu schaffen, die Kimmig auf eine Spannung zwischen Können und Wollen zuspitzt, sowohl in den Figuren als auch zwischen ihnen. Katja Haß hat ihm dafür eine Art Wintergarten vor die leere, bis zur Brandmauer aufgelassene Bühne gesetzt, Alles ist so für alle immer zu sehen. Am Anfang tanzen alle, jeder auf seine Weise. Dann wird ins Publikum geklettert, um uns auch haptisch klarzumachen, dass wir Teil des Theaters sind - und Monaden wie Tschechows und Braschs Figuren. Es geht um uns und ums Heute.

Langsam verwandeln sich die Tänzer und Klettererinnen in Figuren, wieder einmal großartig unterstützt durch die ästhetischen Charakterkostüme von Anja Rabes. Bald erkennen wir, dass Mascha Platonowa hier die Obermonade ist, geradezu eine Leibniz-Jüngerin. sie glaubt nicht an Glück und Zusammensein und kann deshalb ihr Leben kaum ertragen. Viktoria Miknevich spielt das mit derart spröder Aggression, dass ihre Figur einerseits verzwergt wird, andererseits fast ins Unermessliche wächst. Wir können sie nicht greifen. Zumal die anderen zwar behaupten, dass sie sie lieben, ihre Körpersprachen aber keine leidenschaftliche Hinwendung verraten. Gerade Seyneb Saleh bleibt als Sofia, eigentlich die optimistische Gegenfigur zu Platonowa, erstaunlich blass.

Der knapp dreistündige Abend lebt aus der Vielstimmigkeit, den vielen kleinen Geschichten, die sich am geschilderten Leitprinzip entlang entwickeln und vor allem aus der Genauigkeit im Timing und im Umgang mit der Sprache. Dass es dabei immer wieder zu kleineren Unschärfen und Spannungsabfällen kommt, lässt sich bei einer derart komplexen Vorlage - und bei einem derart energiegeladenen Zugriff - kaum vermeiden.

Drei Schauspielerinnen drücken diesem Abend ihren Stempel auf, weshalb sie hier zwingend erwähnt werden müssen. Anja Herden findet für die unglücklich liebende Ärztin klare Herzenstöne fernab jeder Sentimentalität und stellt´, gerade zu Beginn und direkt nach der Pause, mühelos absurden Witz daneben. Katherina Sattler erschreckt uns fast als in den Wohlstand weglaufende Weltverbesserin Katinka durch ihre gewaltige, zentrierte Bühnenenergie. Die größte Entdeckung im neuen Hannoveraner Ensemble ist Amelle Schwerk. Ihre Natalia ist kriminell, eine Außenseiterin, angesiedelt am unteren Ende der Monadenpyramide. Sie leistet sich bedingungslose Zuneigung, weil sie nichts zu verlieren hat. Wie Schwerk das spielt, muss gesehen werden, auch weil Stephan Kimmigs Theater durch sie sinnlich wird wie selten. Der Höhepunkt der Aufführung ist ihr Begrüßungsringkampf mit dem von ihr innig verehrten und geliebten Bankrotteur Anton, den Lukas Holzhausen sehr feinsinnig als energielose Charmeurs-Monade spielt. In diesem Bodenkampf fällt die Grenze, bordet die Zuneigung über, kommen zwei Menschen für zwei Minuten wirklich zusammen. Doch die Stimmung im Raum verfliegt schnell wieder, verläuft sich und wird schließlich sogar butal abgerissen. Aber so ist es wohl. Oder nicht?   

 

 

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