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Eine neue Beggar’s Opera!

Moritz Eggert: La BETTLEROPERa

Premiere:  (UA)   Theater: Neuköllner Oper
Regie: Michela Lucenti   Foto: Matthias Heyde 
Von Ulrike Kolter am 19.10.2017

Einen Musiktheatertanz nennt Moritz Eggert seine jüngste Komposition für die Neuköllner Oper – und das trifft „La BETTLEROPERa“ nach John Gay’s berühmter „Beggar’s Opera“ ziemlich gut. Schon die Zusammensetzung des künstlerischen Ensembles ist Basis für die bunte, alle Sinne fordernde Mixtur aus Songspiel und Tanztheater: Die inszenierte Choreographie stammt von Michela Lucenti und ihrer italienischen Kompagnie Balletto civile, eine preisgekrönte Truppe, die sich in ihrer Arbeit grundsätzlich mit dem Zusammenwirken von Theater, Tanz und Gesang beschäftigt. Dazu stehen Künstler aus der freien Berliner Theaterszene auf der Bühne, großartige Musical-Talente wie Sophia Euskirchen (Lucy), der Jazz-Sänger Christopher Crsto Ciraulo (Macheath) oder die Luftartistin Nicole Kehrberger (Mrs. Trappola), die sich – in schwarzem Lack gekleidet – an einem langen roten Tuch akrobatisch in die Höhe windet.

Eine ausgefallene Mixtur ist auch die Instrumentierung der Musiktruppe Freiraum Syndikat mit Violoncello, E-Gitarre und zwei Blockflöten (zwischendurch auch mal Waschbretter und Tischglocken), für die Moritz Eggert seine Songs, Tanz- und Instrumentalnummern geschrieben hat. Und schließlich wird auf der Bühne in völliger Selbstverständlichkeit und rasendem Szenenwechsel zwischen Italienisch, Deutsch und Englisch geswitcht: die Huren-Ensembles sind meist Englisch, die Peachums streiten und fluchen Italienisch (wohl, weil Regisseurin Michela Lucenti selbst Mrs. Peachum gibt) und Mrs. Trappola führt auf Deutsch und in bester Brecht-Tradition moralbelehrend durchs Geschehen. Da ist also auf Initiative der Neuköllner Oper Berlin eine Produktion entstanden, die Maßstäbe setzt in Sachen internationaler und genresprengender Theaterarbeit. Und dann auch noch derart unterhaltsam, überbordend und charmant!

Zwar ist die Komposition von Eggert strukturell recht nah an Brecht/Weills berühmter „Dreigroschenoper“, rasant folgen zahlreiche Songs und Szenen aufeinander, es gibt ein Vorspiel (keine Moritat, aber ein „Was ihr wissen müsst“-Monolog von Mrs. Trappola) und drei Akte. Musikalisch aber zitiert der Neue-Musik-Star eher wenige der Ohrwürmer Weills, nimmt stattdessen parodistisch Bezug auf berühmte Songtexte der Popmusik: „Diamonds Are a Girl’s Best Friend“ befinden die Huren, singen „Bring tea for the Tillerman“, und Polly gesteht Macheath: „I Wanna Be Loved by You“. Elemente aus dem „Anstatt-Dass“-Song oder aus Pollys und Lucys „Eifersuchtsduett“ klingen zwar deutlich an, werden aber verfremdet in andere Songtexte eingebettet.

Für die kleine Bühne hat Sabrina Rosetto eine Reihe von weißen Plexiglasboxen gebaut, in denen das Ehepaar Peachum streitet, Tochter Polly (Emanuela Serra) quält oder die leichtbekleideten Huren ihr Intimleben vertanzen, einsehbar nur gelegentlich bei herabfahrender Glaswand. Eine dieser fahrbaren Boxen wird später zur Gefängniszelle für Macheath, den Christopher Crsto Ciraulo großartig mit herrlich schmieriger Unschuldsmiene verkörpert.

Überhaupt ist sensationell, mit welch großem Spaß diese so unterschiedlichen Künstler zu Londons Kleinkriminellen verschmelzen, in Modern-Dance-Ensembles, in gerappten, gesprochenen oder gesungenen Passagen. Ein zurecht gefeierter Abend, und ein Stück, das sich als gut nachspielbar erweisen dürfte.

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