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Eine Kunstform feiert sich selbst

Jacques Offenbach: Orphée aux enfers

Premiere: Theater: Salzburger Festspiele
Regie: Barrie Kosky  Musikalische Leitung: Enrique Mazzola   Foto: Monika Rittershaus 
Von Detlef Brandenburg am 15.08.2019

Nun hat Barrie Kosky sogar die Salzburger Festspiele erobert. Dabei konnte man sich ja doch fragen, ob der Humor seiner Operettenproduktionen, mit dem er an der Komischen Oper Berlin so erfolgreich ist, überhaupt zu so einem piekfeinen Festival passen würde. Allerdings ist die Inszenierung von Jacques Offenbachs „Orphée aux enfers“, die gestern im Haus für Mozart ausgiebig bejubelt wurde, so „typisch Kosky“ nun auch wieder nicht. Der Schauspieler Max Hopp, der hier als John Styx eine tragende Rolle spielt, hat zwar tatsächlich schon mehrmals mit Kosky gearbeitet. Peter Renz als Mercure gehört zu den bewährten Kräften der Komischen Oper. Und seine großartigen Tänzer hat Kosky auch von dort mitgebracht. Dennoch ist die Betriebstemperatur dieser Produktion eine sehr besondere.

In unserem Print-Magazin hat mein Kollege Andreas Falentin ja schon seine Enttäuschung über einige Offenbach-Produktionen dieses Jubiläumsjahres kundgetan. Gerade wenn man jetzt auf „Orphée aux enfers“ schaut, wird einem nochmal klar, woran das liegen könnte: Offenbach macht es seinen heutigen Interpreten nicht leicht. Der von ihm geschaffene Typus der Opéra-buffon ist feiner in der musikalischen Textur als die opulente österreichische oder die handfeste deutsche Operette. Und der Humor ist zugleich indirekter und anarchischer. Damit umzugehen ist nicht leicht, zumal die Dialoge hier so eng vernetzt sind mit dem großbürgerlichen Bildungshorizont und Lebensstil der Zweiten Republik, dass sie schwer übertragbar sind.

Koskys respektiert die Besonderheiten dieser Kunstform in erstaunlicher Weise. Fast könnte man sagen: Er feiert sie. Die Dialoge bringt er natürlich auf Deutsch, sonst würde deren Humor gleich gar nicht funktionieren. Aber er verzichtet auf eine inhaltliche Aktualisierung und verkneift sich alle Seitenhiebe auf die Salzburger Schickeria oder auf österreichische politischen Scharaden. Sein Humor ist auch hier oft derb, drastisch und teils ordinär. Die paar Gimmicks aus dem Milieu der Schwulen- oder Transen-Revuen wirken aber eher wie ironische Selbstzitate, gewiss nicht wie Provokationen. Was diesen Abend vor allem prägt, das ist einerseits die hochverkünstelte Bewegungsregie der Sprechszenen, deren hektisch überdrehte Zappeligkeit an die Stilmittel von Comic, Slapstick oder Kintopp erinnert, und andererseits die turbulente Choreographie der Tanzensembles, die sich aber weitgehend im Rahmen klassischer ästhetischer Vorbilder hält. Kosky betont das Artifizielle dieser Kunstform viel stärker als das Aktuelle. Sie ist für ihn ein Amüsiertheater, das sich in Victoria Behrs historisierenden Glitzerkostümen selber feiert. Und der Bühnenbildner Rufus Didwiszus schafft dazu das historisierende Glitzerportal und eine Bühnenwelt, die nie etwas anderes sein will als Kulisse.

Dieser Künstlichkeit setzt Max Hopp die Krone auf. Da Kosky hier mit internationalen Jet-Set-Sängern arbeitet und nicht mit seinem auf deutsche Texte spezialisierten Ensemble in Berlin, hätten diese Sänger die Sprechtexte kaum pointiert über die Rampe bringen könnten. Das übernimmt Max Hopp – für alle! Sie bewegen den Mund, und Hopp spricht, kräht, grunzt, schnalzt für sie. Das Quietschen der Türen, das Knarren von Jupiters steifen Beinen, das Klacken von Orphées Lackschuhen übernimmt er gleich mit. Er sorgt sozusagen im Alleingang für den kompletten Soundtrack der Dialoge und macht dadurch die ganze Produktion zu einer Travestie der besonderen Art.

Die Bewegungschoreographien der Massenszenen und Tanzensembles wurden von Kosky und seinem Choreographen Otto Pichler heftig mit Turbulenz aufgeladen – und von den Tänzern mit einer atemberaubenden Perfektion umgesetzt. Aber auch hier sieht man überwiegend Versatzstücke traditioneller Figuren, Sprünge und Bewegungsabläufe. Dieser Abend ist ein Fest der unterhaltsamen Kunst – um der Kunst willen. Darin erschöpft er sich aber auch. Bei der Uraufführung 1858 im Théâtre des Bouffes-Parisiens gab es die Befürchtung (oder Hoffnung?), Napoleon III. könnte Anstoß an der Parodie seiner kaiserlichen Hoheit in der Jupiter-Figur Anstoß nehmen. Und der Kritiker Jules Janin geißelte die „Profanisierung des glorreichen Altertums“ (und befördertet damit Offenbachs Erfolg erst so richtig). Kosky dagegen räumt alle Steine des aktuellen Anstoßes beiseite.

Die Wiener Philharmoniker überraschen unter Enrique Mazzola gelegentlich mit wunderschön zarten Episoden und halten den Laden ansonsten präzise in Schwung und auf Tempo. Und die Sänger legen es hier natürlich nicht durchweg auf Schöngesang an, sondern outrieren, schreien und krächzen, wo es der turbulenten Sache dient, nach Herzenslust. Sie zeigen aber auch, was sie können. Und das ist etwa im Falle von Kathryn Leweks biegsamer Eurydike oder Joel Prietos schlankem Orphée eine Menge. Martin Winkler macht aus dem Jupiter einen komischen Kintopp-Onkel, Marcel Beekman verpasst dem Pluto eine Portion Transvestiten-Outriertheit – und Anne Sofie von Otter stellt L’Opinion publique als große schwarze Anstandsdame auf die Bühne. Manche an diesem Abend vorgeführte Sexgymnastik wirkt ziemlich übertrainiert, und die verkünstelte Turbulenz bleibt manchmal vielleicht ein bisschen zu kontrolliert. Aber insgesamt war das schon ein mitreißender Abend, dem am Ende nur eines fehlte: eine schmissige Cancan-Zugabe nach all den Ovationen.

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