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Ein Selfie für die Ewigkeit

Claudio Monteverdi: L'Orfeo

MusiktheaterPremiere: Theater: Staatstheater Nürnberg
Regie: Jens-Daniel Herzog  Musikalische Leitung: Joana Mallwitz   Foto: Ludwig Olah   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Dieter Stoll am 03.10.2020

Am Anfang war das Video, am Ende das Selfie. Noch ehe Regisseur Jens-Daniel Herzog als zuständiger Assoziations-Prokurist das schnellstens in die Gegenwart drängende Nürnberger Barockprojekt um Monteverdis Opern-Urknall „L'Orfeo“ mit Bildern überspülen konnte, war am Premierenabend im Opernhaus auf der universellen Projektionsfläche das fürsorglich landesväterliche Saison-Grußwort von Markus Söder samt Staatskanzlei-Impressum zu erleben. Danach, noch klassischer, begann Orfeo als Repräsentant der zeitlosen Kultur-Gesellschaft sein Liebesdrama unter sanft belebten Scherenschnitt-Figuren. Er wagt im hedonistischen Freundeskreis den Sprung in leuchtbunte Disco-Trance, feiert gutbürgerlich Hochzeit mit standesgemäß üppigem Büffet und wird, nach dem schnellen Tod seiner Braut Euridice, durch Verzweiflung tollkühn. Ein zwiespältig verlaufender Reha-Besuch in der Unterwelt mit dem Teufelspakt der Auferstehung (der dortige Herrscher der Finsternis will trotz berufsbedingt grollender Stimme auch nicht mehr als die eigene Partnerin „brav bei mir unter Tage im Ehebett“) bringt die Geliebte nicht wirklich zurück, katapultiert Orfeo aber letztlich aufs irdische Podest. In nächste Parkplatz-Nähe zu den anderen Marmor-Heroen der Weltgeschichte, die als steinernes Gruppenbild grüßen. Jetzt ist er Held und Opfer seiner Liebe zugleich. Was für eine Karriere.

Zum Hades, das war so nicht vorgesehen! Eigentlich sollte an dieser Nürnberger Spielplan-Position ein spätes Schlachtfest der Hochdramatik geschlagen werden, wie gerufen für einen weiteren Triumph der jungen Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz. Nach ihren Heimspiel-Erfolgen mit Großformaten von Prokofjew, Wagner und Verdi war Strauss‘ „Die Frau ohne Schatten“ angesetzt. Aber das konnte man sich nach Corona-Regeln beim kühnsten Willen nicht mehr vorstellen, zumal gerade noch darüber gegrübelt wird, ob der als Publikums-Entspannungsübung in Kürze folgende „Vetter aus Dingsda“ aus Sicherheitsgründen mit einem achtköpfigen Salonorchester auskommen muss. Nun also Oper vom anderen Ende her, statt hemmungslos aus dem Vollen geschöpften  Musikdrama die feingliedrig den Einstieg ins Opern-Genre signalisierende „Favola in Musica“, Claudio Monteverdis „L'Orfeo“. Variante der vielfach untersuchten Geschichte vom Witwer, den die unfassbare Trauer über alle Grenzen dorthin treibt, wo zumindest literarisch noch Kompromissbereitschaft denkbar ist.

Regisseur Jens-Daniel Herzog hat keine Angst davor, die aktuelle Bedrohung durch die weltweiten Krisen-Gefühle schemenhaft aus der uralten Story aufsteigen zu sehen. Eine „lebenslustige Feiergesellschaft“, der mit dem Tod der Titelheldin schlagartig der federnde Boden unter den Füßen entzogen wird, sucht verwirrt nach Orientierung. Aus rasant abgespulter Videowelt (Videodesign: Stefan Bischoff; Ausstatter Mathis Neidhardt lässt vielsagende, gelegentlich redselige Bilder hinter den lapidar gegenwärtig kostümierten Figuren aufblenden) entsteht auf weitgehend leergeräumter Bühne auch graues, manchmal gar grauenvolles Erkennen. Die Regie, gestützt von bemerkenswert locker umgesetzten Bewegungsmustern für Individualisten mit Kollektiv-Drang aus dem Fundus des Choreografen Ramses Sigl, besteht auf dem tänzelnden Schritt für die Annäherung an die Gegenwart. Das passt gut. Man zoomt aus dem All auf die kleinere Einheit des Erdballs und stufenweise weiter zurück ans Tretboot ohne Seenot des frisch vermählten Brautpaars am idyllischen See. Alles auf Video hier, aber dann wieder seltsam aufdringliche Doppelungen, wenn riesige Vergrößerungen von Live-Ausschnitten direkt vom realen Bühnengeschehen abgefilmt zur elektronischen Monsterkulisse aufgetürmt werden. Das übermächtige Euridice-Hologramm ist absolut geisterbahntauglich, wankt als vergiftete Verheißung von der Rückkehr der Euridice dem Albtraum entgegen. Eine halbe Arie und ein Viertel Duett lang fixiert die Kamera auch mal den offenen Mund von Apollo, was dessen Artikulation nicht stört, aber eher dentistische Gedanken befördert. Die leere Bühne als geschickt genutztes Erfahrungsfeld der Sinne hat mehr Überzeugungskraft als vorlaut hereindrängende Anmerkungen.

Dabei gelingt Jens-Daniel Herzogs sicherer Personenregie der souveränste Zugriff, denn sie hält die ständig zwischen Solo- und Choreinsätzen hin und her wechselnden Personen in geradezu traumhafter Idealbalance. Die Sänger, pauschal alle, schaffen diese spartenübergreifende Slowmotion-Artistik scheinbar mühelos. Vokal hat das Glück ein paar verhuschte Schatten. Mozart-Tenor Martin Platz in der Titelrolle versenkt sich glanzvoll versonnen in die Schnörkel der Koloratur-Architektur, gerät aber beim gespannten Ausbruch in dramatische Vorstudien an Grenzen. Julia Grüter (Euridice) und die wie eine Hippie-Diva mit Gold im Haar kostümierte Andromahi Raptis (La Musica und Echo) stehen für die besondere Stärke des Nürnberger Frauen-Ensembles.

Joana Mallwitz, spätestens seit der Salzburger „Così“ vom Sommer auch international gebührend beachtet, nahm den Wechsel von Strauss zu Monteverdi – wenn schon, denn schon – offensiv. Zusammen mit Frank Löhr schuf sie eine Nürnberger „L'Orfeo“-Fassung, die sich von der Not nicht in Tugenden treiben lässt. Im ermatteten Streit um die Pflicht zu historischen Instrumenten oder die Freiheit im Umgang mit modernem Orchesterklang entscheidet sie sich zum entschiedenen Sowohl-Als-Auch. Ihre Fassung ruft den Brückenschlag zum Konzept aus, arbeitet mit akzentuierenden alten Instrumenten im Rahmen des nicht allzu übergriffigen Philharmoniker-Sounds, lässt also Quelle und Mündung gleichermaßen gelten. Nach kantigem Auftakt dominiert eher kuscheliger, die Stimmen selbstbewusst umkreisender Sound. Das mag nicht direkt zur Verleihung einer goldenen Harnoncourt-Medaille führen, was sie offensichtlich sowieso nicht anstrebte, aber es schafft magische Spannung bis hin zum wunderbaren Moment, in dem der Barockmusiker mit lockerer Hand zum temporären Swing-König ernannt wird. Die Tüftlerin Mallwitz, von ihren Musikern besonders geschätzt für nachvollziehbare Expeditionen ins Detail, belässt es nicht bei der Erforschung des Unüberlieferten (was sie „Monteverdis Betriebsgeheimnisse“ nennt), sie gibt ihren eigenen Erkenntnissen vom Pult aus deutlich befeuernde Live-Beglaubigung, was dem Zuschauer im Blick auf die Gesten auch Mallwitz-Betriebsgeheimnisse genießen lässt. Das Orchester hat sie auf den Graben und mehrere Seitenlogen verteilt. Koordinierungsprobleme macht das offenkundig überhaupt nicht, so wie die aus zwei Klangwelten vereinte und dabei diskret gekürzte Fassung aus Nahtstellen nie Stolperfallen werden lässt.

Am Ende, wo die Sache von Leben und Tod geklärt und Leidenschaft in Denkmalsformat umgegossen ist, hat das Opernvolk in dieser vorsichtig um Deutung ringenden Inszenierung am eben noch gefeierten konkreten Einzelfall vorbei schon das Selfie als Sockel aller Ewigkeit entdeckt. Die sortierten Premierengäste jubelten dem Zauber des Neubeginns zu – und es war nicht nur demonstrativ.

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