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Du Opfer, ich Profiteur

Roland Schimmelpfennig: Spam

Premiere:  (UA)   Theater: Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Regie: Roland Schimmelpfennig   Foto: Matthias Baus 
Von Jens Fischer am 26.05.2014

Kartoffeln vom Bauern um die Ecke, Marmelade aus Früchten von der Parzelle, ein namentlich bekanntes Häschen im Ofen, das Bier kommt aus der Region und von Oma gehäkelt wurden die Topflappen – da kennen wir den Warenfluss, ergötzen uns sorgenfrei an den Produktionsbedingungen. Aber bei Zutaten industrieller Produkte wird es schwierig. Von Blut sprechen immer wieder Kritiker der globalisierten Ökonomie. An Textilien klebe der Lebenssaft asiatischer Kinder. „Kein Blut im Handy” fordern NGOs und verweisen auf sogenannte Konfliktmineralien. Wie Coltan. Das aus dem Metall Tantal gewonnene Erz ist unerlässlich für die Handyproduktion, die weltweit ergiebigsten Förderminen liegen im Osten Kongos, wo von Warlords angeführte Milizen den Abbau kontrollieren, Erlöse zum Waffenkauf nutzen und im Krieg die Bevölkerung terrorisieren. Während wir plapperfidel, allüberall und pausenlos unsere Logorrhoe im Stummelsprech-Stakkato an den Mobilfunkgeräten ausleben. „SPAM“ nennt Roland Schimmelpfennig sein neues Stück, mit dem er am Coltan-Beispiel die Opfer, Täter und Profiteure einer durch Gerede und post-koloniale Ausbeutung zerrissenen Welt zusammenbringen will. Dokumentartheateransätze verweigert er als sein eigener Uraufführungsregisseur und sucht auf ästhetischer Ebene die inhaltliche Auseinandersetzung. Durch einen Alptraum im Alptraum wanken die im Deutschen Schauspielhaus Hamburg immer famosen Darsteller.

Arios wird Telefonitis-Spam vorgetragen, chorisch kommen Dialog-Partikel daher – akzentuiert von Schlagwerkerei oder mit zittrigem Sägengesang grundiert. Irgendwo in einem U-Bahn-Wagen spielen die Szenen, „und in dem Zug / steht der Mann, / durch dessen Herz / der Zug fährt“. Wer nun ganz konzentriert zuhört, kann aus dem lyrisch verdichteten, mit leitmotivisch variierenden Wiederholungen, Monologen und indirekter Rede arbeitenden Text einige Handlungsschnipsel heraushören und zusammenpuzzeln. Dieser „Mann“ ist wohl ein Riese und Coltan-Bergwerkbesitzer irgendwo in Afrika. Plötzlich verliebt in eine vor Trauer erblindete Frau, beginnt er nach der Leiche ihres Gatten zu buddeln, einer von hunderten verschütteten Minensklaven. Sein Gespenst allerdings generiert bereits Sprengkraft aus den menschenverachtenden Arbeitsbedingungen und bastelt eine Bombe für die U-Bahn. Lust auf mehr? Eine der schwarzen Magie verschriebene Priesterin, in Personalunion auch Regenmacherin per Gießkanne, zählt einen mit Zahlenmystik gewürzten Countdown von 50 Tagen herunter – bis zum großen Knall auf allen Ebenen des Katastrophenmärchens. Der Riese explodiert im Zug im Herz des Riesen. Der gleichzeitig in Afrika einen Herzinfarkt erleidet, als ihn die Attentätergattin anblickt. Schon erinnert Schimmelpfennig sich an den alten Hauff und lässt ein kaltes Herz in den Riesen hineinoperieren.

Bildstark und wortmächtig ist die Sprache, hinreißend schön und anspielungsreich die Bühne von Wilfried Minks: Glaswände stehen herum, deren Transparenz nichts enthüllt, auf Spiegeln spielen Farbreflexionen miteinander, Stofffetzen flattern, kopfüber hängt ein Gemälde vom sprachverwirrenden Bau des babylonischen Turms, als wolle er wie ein Bohrkopf in die Erde dringen – ab und an tanzen endlose Kolonnen von Telefonnummern und binären Codes über die Szenerie. Das Schauspielersextett zappt als spielende Erzählerschar durch die Fragmente der Geschichten, wovon einige sogar im Handygequatsche versteckt sind. So wird zwar erste und dritte in der Bühnen-Welt vereint, aber nichts entwirrt. Schimmelpfennig verknäuelt vielmehr die roten Fäden, springt dabei rasant zwischen grotesk verformten Mythen, recherchierten Fakten, Prophezeiung, persönlichen Erfahrungen, antiker Tragödie und postdramatischem Theater hin und her wie über die Abgründe weg, ohne einen Sog zu höherer Klarheit zu entwickeln. Dieses vielfach an sich selbst gespiegelte Kopftheater macht nicht wacher, denkbereiter, problembewusster. Aber resignierter. So funktionieren die Schlussworte als sarkastischer Kommentar angesichts des apokalyptischen Aufeinanderprallens von Kostenträgern und Nutznießern des westliche Lebensstils: „Was machen wir?“ „Machen wir weiter!“

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