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Discokugeln leuchtender Verblendung

Marius von Mayenburg: Märtyrer

Premiere: Theater: Deutsches Theater Göttingen
Regie: Johannes Rieder   Foto: Thomas Müller/Deutsches Theater Göttingen 
Von Jan Fischer am 07.06.2019

Wenn er nur normal wäre, der Benjamin, einen „ganz normal schwer erziehbaren Jungen“ wünscht seine Mutter sich. Vor kurzem war er das auch noch. Aber plötzlich hat er Probleme mit den Ungläubigen: „Ihre Schwangeren sollen aufgeschlitzt werden“, predigt er.

Johannes Rieder inszeniert in Göttingen Marius von Mayenburgs Radikalsierungstext „Märtyrer“. Im spärlichen Bühnenbild – 9 Stühle, ein paar Kisten mit Glitzer und Kleber sowie einem Luftdruck-Bolzenschussgerät – geht Benjamin Südel (Marius Ahrendt) erst einmal nicht zum Schwimmunterricht, weil ihm die freizügige Kleidung der Mädchen nicht passt. Erklärt seiner Mutter, sie käme in die Hölle, weil sie sich von seinem Vater getrennt hat. Sabotiert den Sexualkundeunterricht. Skandiert die antisemitischen Passagen der Bibel. Verliert sich immer mehr in alttestamentarischer Höllenfeuer-Rhetorik, während seine Mutter (Rebecca Klingenberg), der Pfarrer (Gabriel von Berlepsch), einer seiner Lehrer (Christoph Türkay), die Mitschülerin (Alina Kondrakova) und der Schuldirektor (Florian Eppinger) sich, als Symbol ihrer Hilflosigkeit und blinden Akzeptanz, spiegelnden Glitzer auf den Körper kleben. Einzig die Biologielehrerin Erika Roth (Gaia Vogel) stellt sich der Religion mit Wissenschaft entgegen. „Ich bin hier richtig“ beharrt sie am Ende der Inszenierung, als sie längst wegen Gewalt gegen Benjamin die Schule eigentlich hätte verlassen sollen, während alle anderen dem Fundamentalismus nichts entgegenzusetzen haben als ihre discokugelhaft glänzende Verblendung.

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„Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ - ein wenig erinnert Roths Verhalten an das Luther-Zitat. Sie verleiht dem Nachdruck, indem sie sich mit dem Bolzenschussgerät die Füße am Boden festtackert. Wobei sie – eine eigenartige Schlusspointe des Textes – sich in der Radikalität der blutenden Wunden die Wissenschaftlerin und der Fundamentalist sehr nahe kommen. Roth radikalisiert sich im Laufe der Handlung ebenso wie Benjamin – und am Ende kann sie, im Gegensatz zu ihm, tatsächlich die Wunden Jesu herzeigen. Was zunächst – durch ihren starken Standpunkt – als Sieg der einzigen Sympathieträgerin der Inszenierung aussieht, bekommt so eine gewisse, bittere Ambivalenz.

Schade ist, auf den ersten Blick, dass Mayenburgs Figuren eher Typen sind als Charaktere. Mutter, Direktor, Lehrer, der Pfarrer, Mitschüler, darunter auch Benjamins Jünger Georg Hansen (Moritz Kahl), der mit seinem Apostel eine einseitige homorerotische Beziehung pflegt, selbst der mit Bibelversen umherwerfende Benjamin erweisen sich als recht flach ausgedacht. Das Ensemble schlüpft angetan in kunterbuntem 80er-Jahre Ornat und mit großer Freude an der Übertreibung in diese Karikaturen von Mayenburgs – sie bleiben dennoch Karikaturen.

Dennoch ist vielleicht  gerade diese starke Typisierung die Stärke des Textes und der Inszenierung. Denn letztendlich spielt es kaum eine Rolle, ob es nun Bibelverse sind, die Benjamin als flammendes Schwert der einfachen Welterklärungsmodelle schwingt, oder Koranverse oder Glaubenssätze vom rechten Rand. Witzigerweise treffen sich sogar alle drei in zweien der konkret ausgeführten Konflikte des Textes: Im Sexualkundeunterricht und im Antisemitismus.

Somit inszeniert Rieder in Göttingen Mayenburgs Text zwar eher spartanisch und werktreu – holt aber eben auch einen recht alten Text (geschrieben wurde der 2012) zum Thema Radikalisierung wieder hervor, der gerade durch die starke Typisierung nach wie vor stark aktuell erscheint. Ob in die Religion, nach Rechts, in diverse Verschwörungstheorien: Es geht in dem Text ums Abdriften dorthin, um die gefährlich-absurde Attraktivität radikaler Ideologien, um die Hilflosigkeit derer, die damit konfrontiert werden oder beschließen, einfach alles mit viel buntem Glitzer zu überstreuen, damit es weggeht. Und eben um die Frage: Wie dieser Radikalisierung entgegenwirken? Zur Not tackert man sich halt am Boden fest, geht dagegen an, bleibt stehen, und sagt: „Ich bin hier richtig.“ Auch wenn das nicht unbedingt die eleganteste Lösung ist.

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