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Die Waschmaschine des Blutes

William Shakespeare: Richard III.

SchauspielPremiere: Theater: Schlosstheater
Regie: Ulrich Greb   Foto: Jakob Studnar   
Von Stefan Keim am 04.02.2016

Klebrige, rote Flüssigkeit läuft die schräge Bühne hinab. Sie riecht süßlich, wie Fruchtsirup. Die Toten verschwinden in Ulrich Grebs Inszenierung von Shakespeares „Richard III.“ in einer riesigen Waschmaschine wie im Verbrennungsofen eines Krematoriums. Wenn der Waschgang einsetzt, fließt das Kunstblut. Köpfe fallen, einer zieht sich Gedärme aus dem Körper. Früher nannte man diese Theaterform Grand Guignol, heute vielleicht Tarantineske.

Im Schlosstheater Moers sind allerdings keine „hateful 8“ auf der Bühne, sondern ein blutiges und enorm spielfreudiges Quintett. Das kleine Ensemble kann die vielen Rollen in Shakespeares Historiendrama nur im fliegenden Wechsel bewältigen. Damit die Zuschauer den Überblick behalten, stehen die Namen auf den Türen von Metallspinden, wie man sie aus heruntergekommenen Umkleideräumen kennt. Wer schon tot ist, auf dessen Spind steht eine rote Grabkerze.

Die griffige, witzige aber auch berühmte Sätze aus der romantischen Fassung einbeziehende Übersetzung stammt von Rainer Iwersen, einem der Mitgründer der Bremer Shakespeare Company. Wie diese Gruppe inszeniert auch Greb Shakespeare aus dem Geist des Volkstheaters heraus, derb, grell, unterhaltsam. Richard III. wird von einer Frau gespielt, Marissa Möller, die mit Wuschelhaaren und keckem Blick erst ziemlich knuffig aussieht. Auch wenn sie behauptet, furchtbar böse zu sein. Wer in der ersten Reihe sitzt, darf ihre Bauchmuskeln anfassen. Die Hose ist etwas zu weit, wie bei einem Clown, manchmal haut sie eine kleine Steppeinlage raus. Dieser Richard ist ein Entertainer und Performancekünstler. Die Morde wirken lange wie pure Spielerei.

Langsam lässt Marissa Möller ihren Richard in den Wahnsinn gleiten, bis sie einsam auf der Bühne zurück bleibt. Die Gesten und Tricks funktionieren nicht mehr, weil alle weggemordet oder geflohen sind, die sich noch manipulieren ließen. Richard stirbt und steht wieder auf, als Richmond, sein Nachfolger auf dem Thron. Schon wieder blitzt die Mordlust im Auge, die Geschichte beginnt von vorn.

Bei aller komödiantischen Überzeichnung finden die rauschhaft rollenwechselnden Schauspieler immer wieder Momente des Gefühls, des Erstaunens und Entsetzens, Inseln der Wahrhaftigkeit im Wahnwitz. Die politische Aussagekraft und Dringlichkeit von Ulrich Grebs voriger Inszenierung – Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ – erreicht diese Aufführung allerdings nicht. Dafür begeistern das tolle Ensemble und der muskelbepackte und hart schuftende Bühnentechniker Klaus.

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