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Die Stunde der Demagogen

Gottfried von Einem: Dantons Tod

Premiere: Theater: Wiener Staatsoper
Regie: Josef Ernst Köppliger  Musikalische Leitung: Susanne Mälkki   Foto: Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn 
Informationen und Fotos auf der Homepage der Wiener Staatsoper
Von Joachim Lange am 28.03.2018

Spätestens seit dem durchschlagenden Erfolg der Salzburger Uraufführung von „Dantons Tod“ 1947 ist Gottfried von Einem eine Größe in der österreichischen und internationalen Opernwelt. Wenngleich seine Werke heute so gut wie nicht mehr auf den Spielplänen zu finden sind. Der Wiederkehr seines 100. Geburtstages ist es zu verdanken, dass die Wiener Staatsoper jetzt – parallel zu seiner späten Oper „Der Besuch der alten Dame“ im Theater an der Wien – diesen Durchbruchserfolg auf die Bühne zurückgeholt hat.
Mit einer Inszenierung, in der der Intendant des Münchner Gärtnerplatztheaters Josef Ernst Köpplinger (Regie), Rainer Sinell (Bühne) und Alfred Mayerhofer (Kostüme) dieses Lehrstück über den Blutzoll der großen Revolution der Franzosen in ihrer Zeit belassen. Sie vertrauen auf die Wirkung des Exemplarischen und auf die Musik. Die Bühne ist ein riesiger Bretterschuppen, der zum Schauplatz für alle sieben vorgesehenen Schauplätze wird. Mit einer umgekippten Kutsche der Aristokraten und allem möglichen Gerümpel darin. Mit genügend Platz zum revolutionären (oder konterrevolutionären) Schwadronieren, Anklagen, Verteidigen und Scheitern.

Als von Einem mit gerade mal 25 Jahren mit dem Danton-Stoff in Berührung kam, gab es Bergs Komposition zu Georg Büchners „Wozzeck“ schon. Doch der Blacher-Schüler mit den Bayreutherfahrungen bis zum Kriegsende folgt mit Vehemenz seinem eigenen Stern. Mit den den Salzburger Festspielen hatte er nach dem Krieg den ganz großen Auftritt. Sogar gegen den Widerstand von Karajan.

Wolfgang Kochs Danton ist mit seinen großformatigen Verteidigungs- und Anklage-Reden das darstellerische und dank seines wohltönenden Charismas auch das vokale Zentrum. Koch geht nicht nur bis an seine Grenzen, ihm gelingt vor allem auch die Mischung aus aufbegehrender Wut und resignierendem Fatalismus, die seinen Revolutionär so nachvollziehbar menscheln lässt. Dicht bei ihm als seine engsten Vertrauten sind der hier unpassenderweise mit „mein Junge“ angeredete Camille Desmoulins (bis an seine Grenze und manchmal darüber: Herbert Lippert) und Hérault de Séchelles (Jörg Schneider). Olga Bezsmertna setzt mit ihrer glockenklar intensiven Lucile vor allem am Ende, wenn sie nach dem Blutbad dem Wahnsinn verfallen ist und sich mit ihrem Ruf „Es lebe der König“ um Kopf und Kragen bringt, einen eindrucksvollen Schlusspunkt.

Betritt der Blutmessias Robespierre (markant: Thomas Ebenstein) die Szene, dann umweht ihn der eisige Hauch des Revolutionsfundamentalisten. Während der Fanatiker Saint Just (Ayk Martirossian), der Ankläger (Clemens Unterreiner) und der feiste Henker Simon (Wolfgang Bankl) die blutige Drecksarbeit machen, um ihre Konkurrenten auszuschalten. Auf ihren jeweiligen Posten sind sie alle manipulierende Demagogen reinsten Wassers. Sie liefern die gefälschten Beweise, gegen die auch Dantons Wortgewalt keine Chance hat. Der nahezu dauerpräsente Chor (Leitung: Martin Schebesta) nimmt seine Hauptrolle als personifizierter, wankelmütiger Opportunist mit Inbrunst wahr. Auch die Momente eingefügter, stilisierter, wie ferngelenkt wirkender Bewegungen fügen sich ein. Wobei gerade dann, wenn der Chor mit von der Partie ist, die Übertitelungsanlage in der Staatsoper zu ihrem Recht kommt. Besonders bei der Eröffnung, die in eine aufgeregt-gefährliche Stimmung einführt, mit den demonstrativ geschwenkten Fahnen, einfallendem Licht und ausgelassen miteinander beschäftigten Revolutionären und -innen. Den Rahmen für das Tribunal muss man sich da eher dazu denken. An die (nicht sichtbare) Guillotine erinnert höchstens die abgeschrägte Verdunklung hinter der seitlichen Bretterwand, die immer mal herniederfährt. Wenn Lucile schließlich ihr Lied vom Schnitter Tod singt und den König hochleben lässt, dann ist dieses Ende der Geschichte nicht mehr ganz von dieser Welt.

Die auf moderne Musik spezialisierte finnische Dirigentin Susanna Mälkki bringt am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper die nervöse Aufgeregtheit der  Revolutionäre, von Einems musikalische Anspielungen, die pointierten Zuspitzungen, aber auch die betörend suggestiven Zwischenspiele ausgewogen zur Geltung. Das Ganze ist ein packendes Lehrstück über die Tragik der Geschichte und die Manipulierbarkeit der Massen. Dieser „Danton“ ist nicht tot, sondern höchst lebendig. Das fatalistische Sichfügen in einen Strudel der Zeit mag dabei das eigentlich erschreckende Menetekel sein. Inklusive des Zynismus der Henker, die am Ende auf dem Heimweg blutverschmiert „Wenn ich nach Hause geh’, scheint der Mond so schön“ vor sich hin trällern.

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