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Die Seele retten

Lew Nikolajewitsch Tolstoi: Auferstehung

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Hans Otto Theater
Regie: Tobias Wellemeyer   Foto: Foto: HL Böhme   
Slideshow auf der Homepage des Hans Otto Theaters Potsdam
Von Michael Laages am 29.03.2015

Was die Gegenwart wohl denken würde von einem wie ihm: der Gut und Geld wegschenken und eine Prostituierte ehelichen will, um sie aus allem persönlichen Elend zu befreien? Klar: ein Gutmensch, was sonst! An den zynisch-abschätzigen Begriff haben wir uns gewöhnt – als sei es besonders verwerflich oder auch nur strohdumm, „gut“ sein zu wollen oder wenigstens ein Mensch. Den russischen Dichter Lew Tolstoi befiel etwa in der beruflichen Lebensmitte, nach dem Erfolg mit „Krieg und Frieden“ und der noch erfolgreicheren „Anna Karenina“, auch nach der Pariser Theater-Uraufführung von „Die Macht der Finsternis“, das tiefe Verlangen nach mehr Sinn im Leben und nach weniger Luxus und Genuss. Und für den 1899 fertiggestellten Roman „Auferstehung“ kreierte er einen Helden, der akkurat diese Sehnsucht durchlebt und eine Menge Dinge unternimmt, die die Zeitgenossen des Fürsten und Großgrundbesitzers Dimitrij Nechliudow für blanken Wahnsinn halten müssen. Oder, mit heutigen Begriffen, für eine „midlife crisis“ von ziemlich monströsen Ausmaßen – Nechliudow wirft das alte Leben weg und sucht ein neues; irgendeins.

Am Rande eines Dorffestes zum Ostersonntag, dem Tag der Auferstehung, hat Nechliudow einst, als junger Mann, die verehrte und begehrte Katarina vergewaltigt und geschwängert. Diese junge Frau, angestellt bei Nechliudows Tante, wurde natürlich entlassen, als das Kind da war; es starb, und Nechliudows Opfer Katjuscha landete im Bordell. Als Prostituierte soll sie einen Kunden ermordet haben, und Fürst Nechliudow ist (so wollen es Tolstoi und das Schicksal) einer der Geschworenen, als über Katjuscha zu Gericht gesessen wird. Aus dem sibirischen Arbeitslager heraus will Nechliudow in der Folge Katjuscha retten, indem er sie zum einen in immer neue Stationen verlegen lässt (ins Krankenlager, zu den politischen Gefangenen), sie aber zum anderen unbedingt heiraten will; und sich selber, den eigenen Seelenfrieden, will er auch retten. Das soll seine „Auferstehung“ sein.

Im Gefängnis wird er mit der Zeit zum uneigennützigen Helfer weniger für Katjuscha (die ihn eigentlich gar nicht mehr will) als vielmehr für andere, die dort ohne erkennbare Schuld gefangen sind. Parallel entwickelt Nechliudow soziale, ja sozialistische Ideen, die sich lesen und anhören wie ein Vorgriff auf die erste russische Revolution, die sich 1905, noch zu Tolstois Lebzeiten (er stirbt 1910) in der Tat ja auch auf den weltberühmten, daheim im noch zaristischen Russland aber isolierten Dichter beruft.

Tobias Wellemeyers Potsdamer Inszenierung treibt Tolstois aktuelle Zeitgenossenschaft sogar noch ein bisschen weiter und macht die „Passlosen“ aus der Roman-Vorlage zu Flüchtlingen wie im Container auf Lampedusa. Tolstois extrem autobiographisch geprägte Roman-Motive, mit der Frage: „Wie sollen wir leben?“, und der für jeden Einzelnen gültigen Fundamental-Erkenntnis: „Ich muss mein Leben ändern!“, sind ohnehin ganz und gar von Hier und Heute.

Was derart augenfällig ist, braucht praktisch kein szenisches Unterfutter mehr – speziell im zweiten Teil (wenn Nechliudow daheim im eigenen Dorf allen Besitz weggeben und so eine LPG-artige Bodenreform in Gang setzen, dabei aber auf latentes Unverständnis der Bäuerlein stößt) verliert die an sich sehr straffe und nachvollziehbare Roman-Bearbeitung des Dramaturgen Remsi al Khalisi leider jedes Geheimnis und fast alle Spannung. Was gedacht wird, wird prompt auch ausgesprochen; die Fabel schnurrt zusammen auf Thesen, Themen, Theorien – auch im Diskurs über die Notwendigkeit revolutionären Terrors, fast wie viel später bei Albert Camus und den ‚Gerechten‘. Katjuscha heiratet derweil einen Genossen, und der klassische russische Gottesnarr Nechliudow zieht weiter, ein neuer Weg und Lebensabschnitt beginnt …

Tobias Wellemeyer verpasst der Fabel viel Tempo; auf Harald Thors Bühne (eine lange Straße, die in der Tiefe der Bühne ins Nirgendwo führt, oder in irgendeine Zukunft) klettert das Personal stets aus der Unterbühne herauf wie aus dem Straßengraben, auch wie aus Gräbern, deren sandig-erdiger Boden mehrfach ausgehoben wird. Für die jeweiligen Szenerien genügen wenige Zeichen: ein Wach-Häuschen im Arbeitslager, der Flüchtlingscontainer, wehende Laken für da Dorffest, Rollschuhfahrten und bunte Cocktails für lautstarkes Party-Gewimmel in Petersburg und ein entrückter General im Glasschrank, zwei weiße Tier-Figuren auf den Gräbern am Schluss. Und immer wieder schreibt Nechliudow auf einer alten Nachkriegs-Schreibmaschine, einer Olympia oder so … In rasender Geschwindigkeit wechselt das gut ein Dutzend Köpfe starke Ensemble die Kostüme und verwandelt sich in mindestens vier Mal so viele Stück-Figuren. Und es spricht für Wellemeyers Potsdamer Truppe, dass sich nicht nur die Protagonisten einprägen: Maike Finck als toughe, selbstgewisse Hure und Wolfgang Vogler als ewiger suchender Engel der Erniedrigten und Beleidigten; beide waren schon in Magdeburg zentrale Persönlichkeiten dieses Regisseurs. Aber eben auch mit Jon-Kaare Koppe und Christoph Hohmann, Franziska Hayner und Marianne Linden, letztlich mit allen gelingt das große moralische Panorama, das ganz von Tolstoi ist.

Auch uns Zeitgenossen aber ist es erstaunlich vertraut.

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