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Die Räuber gründen eine Bank

Giuseppe Verdi: I Masnadieri (Die Räuber)

Premiere: Theater: Aalto-Musiktheater Essen
Regie: Dietrich Hilsdorf  Musikalische Leitung: Srboljub Dinic   Foto: Thilo Beu   
Bildergalerie auf der Homepage der Aalto Oper
Von Detlef Brandenburg am 09.06.2013

Der finstere Tann, der während der Ouvertüre auf einem Proszeniums-Prospekt in der Essener Aalto-Oper vor sich hin düstert, ist eine glatte Irreführung. Oder vielleicht eher ein ironischer Doppelpunkt. Denn er passt natürlich allzu gut zu Thema und typischer Sphäre von Verdis selten gespielter Schiller-Oper „I Masnadieri“. Doch „Die Räuber“, die der Regisseur Dietrich Hilsdorf und sein Ausstatter Johannes Leiacker den Zuschauern da vor Augen stellen, sind nicht im Wald und machen Piff-Paff-Puff. Sie sind im Börsianer im Bankenhochhaus und machen Klick-Klack-Klock auf der Tastatur ihrer Computer-Terminals. Natürlich kommt einem da gleich der gute alte B.B. in den Sinn: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ – zitiert vom Regieteam im Programmheft.

Das erste Bild allerdings spielt gar nicht unter den Räubern in der „Schänke an der sächsischen Grenze“. Es spielt im Schloss des Grafen Moor, das aussieht wie eine etwas altmodische Gruft der Machtausübung in kaltem schwarzem Marmor – eines dieser typischen, atmosphärisch ebenso starken wie treffenden Leiacker-Bühnenbilder. Carlo Moor redet ja im 1. Bild sowieso dauernd von seinem Vater und dessen Schloss und von Amalia, die Familie bleibt ihm auch unter seinen Räuberkumpanen stets im Sinn. Hilsdorf und Leiacker kehren diese Diskrepanz von äußerer Szene und innerem Erleben des Helden um: Carlo ist im Schloss seines Vaters und imaginiert sich die Räuber als „Ort am Rand der Gesellschaft oder in ihrem Untergrund“ ­– auch diese Sentenz, sie stammt von dem Philosophie-Historiker Rüdiger Safranski, zitiert das kluge Programmheft. Diese Zurückführung der Räuber-Metaphorik auf Gesellschaftskritik  und wiederum der Gesellschaftskritik auf den Familienkonflikt im Hause Moor, die auch kleinere Neuarrangements in der Figurenverteilung nach sich zieht – sie funktioniert im 1. Akt erstaunlich gut. Man hat hier noch die Hoffnung, dass das Regieteam mit diesem Coup die dramaturgischen Stolpersteine, die Andrea Maffei dem Regisseur mit seiner allzu handlich-kolportagehaften Zurichtung des Schiller-Stoffes für Verdis Opernbedürfnisse in den Weg legt, elegant überspringt.

Aber dann weitet Hilsdorf im 2. Bild des 2. Aktes die kapitalistische Kampfzone aus und macht die Räuber zu Brokern. Bildschirme flimmern, Zahlentabellen flackern, und nachdem man erfolgreich Feuer an den Dax gelegt hat, sekundieren kreischende Nutten beim Festgelage. Wenn dann ausgerechnet diese Broker das Moor’sche Schloss mit Guy-Fawkes-Masken vor dem Gesicht erstürmen – tja, dann ist die Inszenierung vollends bei der politischen Gesinnungsfolklore angekommen. Dramaturgisch hat sie schon vorher Schiffbruch erlitten, weil sie die Räuber als Broker ebenfalls zum Establishment macht und damit den handlungstragenden dramatischen Konflikt nivelliert – warum soll denn Amalia keinen Oberbroker ehelichen, nachdem die alte Form der Macht mit dem alten Moor doch ohnehin abgedankt hat? Abgedankt hat da auch Hilsdorfs Personenführung, die sich zunehmend in konventionellen Operngesten erschöpft. Da macht es dann auch keinen großen Unterschied mehr, ob Räuberhauptmann Carlo nun mit dem Dolch herumfuchtelt oder mit dem modernen Revolver dann doch noch Piff-Paff-Puff macht.

Musikalisch erlebt man einen Abend auf sehr hohem Niveau mit einem fast zu perfekten Dirigat. Srboljub Dinic, Chefdirigent am Stadttheater Bern und in Essen als Gast am Pult, interpretiert Verdis zwar konventionelle, aber durchaus kontrastreiche und um knallige Effekte selten verlegene Partitur mit einem Maximum an Delikatesse, Differenzierung und Tempodisziplin. Das klingt sehr gut, manchmal aber fast schon zu kontrolliert, ein bisschen mehr Schärfe und Feuer hätte dieser Räuberoper nicht geschadet. Aris Argiris ist als Bariton-Sängerdarsteller der Typ des kultivierten Bösewichts, der sich ganz Verdis Musikdramatik anvertraut und so eine wirklich faszinierende Franz-Kanaille charakterisiert: dunkel und edel timbriert, ausdrucksvoll phrasierend, mit einer reichen Palette an Klangnuancen. Marcel Rosca singt einen markanten alten Grafen, Liana Aleksanyan ist eine bezaubernd einfühlsame, manchmal etwas piano-zittrige Amalia, Zurab Zurabishvili liegt das Schmettern der Cabaletten mehr das Legato der Cantabiles, er ist also mehr Räuberhauptmann als zärtlich Liebender – aber immerhin! Auch sonst ist das Ensemble mit dem von Alexander Eberle einstudierten Chor stark – und so wurden denn bei der Premiere alle vom Publikum mit Bravos und Jubel gefeiert.

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