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Die Macht der Unvernunft

Walter Jens nach Sophokles: Antigone

SchauspielPremiere: Theater: Württembergische Landesbühne Esslingen
Regie: Alexander Müller-Elmau   Foto: Patrick Pfeiffer für WLB   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Adrienne Braun am 21.06.2020

Sophokles hätte gestaunt. Als er vor 2500 Jahren seine Tragödie „Antigone“ verfasste, da war es selbstverständlich, dass die Schauspieler auf der „Skene“ Masken trugen. Schließlich wechselten die meisten von ihnen ständig die Rollen – und da es keine weiblichen Darstellerinnen im antiken Theater gab, erleichterten die Masken es dem Publikum, Antigone oder ihre Schwester Ismene zu erkennen. Auch an der Württembergischen Landesbühne Esslingen tragen Antigone und Ismene nun Masken vor dem Gesicht – durchsichtige Visiere aus Plexiglas. Corona lässt grüßen.

Während viele Theater in Baden-Württemberg weiterhin geschlossen bleiben, wird an der Esslinger Landesbühne nun wieder ganz klassisch Theater gespielt, wenn auch für ein sehr überschaubares Publikum, das luftig verteilt im großen Zuschauerraum sitzt. Jeder Schritt durchs Foyer wird kontrolliert, die Pausenbewirtung ist gestrichen. Und auch auf der Bühne wird unübersehbar Abstand gehalten, während die große, zeitlose Frage verhandelt wird: Soll man dem Gesetz oder seinem Gewissen folgen?

Antigone entscheidet sich für ihr Gewissen – und will den toten Bruder bestatten, auch wenn Kreon angeordnet hat, dessen toten Körper „unbeweint, grablos“ den Vögeln und Hunden zum Fraß zu überlassen. „Du Überhebliche“, schimpft Kreon seine Nichte, als sie geschnappt und dem Herrscher vorgeführt wird. „Bist du tot, so hab ich alles“, ruft er aufgebracht – und weil ihm die Argumente ausgehen, tut er etwas, was man selten in einer antiken Tragödie sieht: Er tritt seiner Nichte in den Hintern.

Alexander Müller-Elmau hat die „Antigone“ inszeniert und verzichtet dabei auf jedes Pathos. Die Bühne wird von weißen Tüchern eingefasst, vor ihr sitzen an einem langen Tisch die Schauspieler und tippen erst einmal um die Wette. Sie lesen sich gegenseitig Sätze vor – es sind die vielen Übersetzungsmöglichkeiten, die in dem Original von Sophokles stecken und für die ganz unterschiedliche vollmundige Formulierungen gefunden wurden. Immer wieder wird das Ensemble an diesem Abend zwischen den Szenen an die Schreibmaschinen zurückkehren.

Die Esslinger Inszenierung basiert auf der Nachdichtung von Walter Jens – und der Abend wartet mit mancher Botschaft auf, die noch heute gültig ist: „Das menschliche Leben ist niemals frei von Verhängnis“, heißt es da oder: „Das Geld macht die Menschen zu Verbrechern.“ Gerade auch die Figur des Kreon ist erschreckend heutig. Martin Theuer spielt ihn als cholerischen Dummkopf, als einen, der nur Hopp oder Top kennt und Zwischentöne nicht gelten lässt. Wenn er herausposaunt, dass ein „Freund dieser Stadt“ von ihm geehrte werde, muss man unweigerlich an Donald Trumps bornierten Nationalismus denken. Und es braucht keine Aktualisierung, um zu begreifen, dass auch Trump dem Sohn raten könnte, niemals vor einer Frau auf die Knie zu fallen. Wenn es nach Kreon geht, soll Haimon vor seiner geliebten Antigone sogar ausspucken.

Luftig und handlich hat Müller-Elmau die Szenen auf die Bühne gebracht. Die Inszenierung schlägt einen langsamen, fast bedächtigen Rhythmus an, die Konflikte stechen glasklar hervor und die Wortgefechte sind spannend. Kristin Göpfert spielt die Antigone als entschiedene Frau, ohne in allzu kämpferische Posen zu flüchten. Haimon (Felix Jeiter) versucht Kreon rhetorisch beizukommen, schmeichelt und kritisiert zugleich. „Vielleicht kann man es auch anders sehen“, erklärt er dem Vater. Vernunft sei „die allerhöchste Gabe“. Kreon aber weigert sich einzulenken: „In meinem Alter soll ich denken lernen?“

In den antiken Tragödien wurden meist schwer lösbare Probleme der Tagespolitik verhandelt, denn letztlich war es die Aufgabe des Theaters, die attischen Bürger auf das Gemeinwesen zu verpflichten. Der Trotzige sei blind, heißt es denn auch auf der Esslinger Bühne, man müsse nachgeben und „auf die Gegenseite hören“. Man wünschte, die Botschaft käme auch bei manchem heutigen Machthaber an.

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