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Der Wald als Wille und Vorstellung

William Shakespeare: Ein Spätsommernachtstraum

CrossoverPremiere: Theater: Puppentheater Magdeburg
Regie: Moritz Sostmann   Foto: Viktoria Kühne/Puppentheater Magdeburg 
Von Andreas Falentin am 21.06.2020

Der Einstieg fällt schwer in eine schriftliche Vergegenwärtigung dieses manchmal eindeutigen, immer vielfältigen, so komplexen wie direkten wie sinnlichen Theaterabends. So viel steckt drin, so viel Lebenswille und Theaterphantasie, so viele Spiel-, Erzähl- und Bedeutungsebenen. Die natürlich alle schon bei Shakespeare angelegt sind. Machen wir es wie der Regisseur Moritz Sostmann. Beginnen wir mit Schopenhauer.

Der Schauspieler Florian Kräuter sitzt am Tisch wie ein Regisseur bei der ersten Leseprobe, ein anonymer Spielleiter, der sich als Schöpfer, zumindest als Herrscher seiner ausgedachten Welt sieht. Er ist natürlich auch Peter Squenz, der Zeremonienmeister der Handwerker, und später wird er Oberon sein, mit dem Kasperle Puck in einer Hand. Am Anfang verteilt er Rollen und redet enthusiastisch - von Schopenhauer. Ob er den so richtig verstanden hat, können wir Zuschauer nicht so genau einschätzen, weil wir nicht wissen, ob wir „Die Welt als Wille und Vorstellung” selber so richtig verstanden haben, selbst wenn wir es lesend versucht haben. Es geht bekanntlich um eine Art subjektiven Idealismus. Jeder will das Beste, das Richtige in einer chaotischen, nicht steuerbaren Welt. Oder: Aufklärung trifft Kulturpessimismus. Durchaus unsexy.

Aber wunderbar für die Aufführung. Denn Schopenhauer macht im Magdeburger Fall aus Shakespeares oft gespielter, ach so romantisch verspielter Komödie, schlicht ein weißes Blatt. Jede Kitsch-Anmutung fällt des Gedankens Blässe zum Opfer, der aber, ein echtes Theaterwunder, die Aufführung selber nicht infiziert.

Was um so erstaunlicher ist, als wir uns draußen befinden, im Hof des Puppentheaters Magdeburg, bei der Eröffnung des jährlichen Hofspektakels. Hinter der neu gebauten Bretterbühne, mit Auftrittshäuschen rechts und links, hat Ausstattungsleiter Sven Nahrstedt über Monate einen Wald angelegt, 30 Meter in der Tiefe, eine echte kuratierte Wildnis. Und irgendwie auch eine Schopenhauer-Welt in nuce. Denn in diesem Wald kann man verloren gehen, sich und anderen. Dem Weltgeist, dem Chaos nicht nur der Natur, ist keiner allein gewachsen. In einer gewaltigen, performanceartigen Szene vor dem Finale brechen Visionen in und aus diesem Wald hervor, als wären wir live einer Walpurgisnacht zugeschaltet. Brillant ist das gemacht, die theatrale Energie spritzt nur so ins Publikum.

Auch die, neben diesem großartigen Waldgarten, der übrigens stehen bleiben wird, auch wenn die Produktion abgespielt ist, auch die zweite wesentliche Setzung des Abends scheint von Schopenhauer inspiriert: Die beiden Liebespaare sind hier alte Menschen, natürlich in Puppenform. Sie wollen noch vieles, aber sie können nicht mehr alles. Das ist wunderschön ausgedacht und konsequent ausgeformt und pendelt, wie die Shakespeare-Übersetzung von Rebekka Kricheldorf, moussierend zwischen Drastik und Poesie. Zusätzlich hineingestreut ist viel Shakespeare'sche Lebensweisheit, vom „Stoff, aus dem die Träume sind” über einen kurzen Disput über Nachtigallen und Lerchen – eine von letzteren soll bei der Hauptprobe als Zaungast im Wortsinne live gesungen haben – bis hin zu den sieben Lebensaltern aus „Wie es euch gefällt”. Dazu kommt noch ein wenig romantischer Fatalismus von Erich Fried („Es ist was es ist, sagte die Liebe”) Lebe! Scheint das alles sagen zu wollen. Nimm dich nicht zu wichtig! Finde dich ab! Es ist nicht alles toll, aber was Besseres kriegst du nicht!

Der große Rest ist Komödie, die Volkstheater-Drastik genausowenig scheut wie intellektuelle Überformung, aber dabei, wie eingangs erwähnt, immer direkt und sinnlich bleibt. Die Komik entsteht aus dem Spiel mit der Distanz und der lustvollen Konstruktion von Gegensätzen und Antagonismen. So sind die Puppen der alten Liebespaare neu gebaut – von dem fantastischen Puppendesigner Hagen Tilp. Zusätzlich hat Lysander eine, auch sprechende, Spielerin, und Hermia einen Spieler. Die Geschlechter lösen sich gleichsam auf im Wald. Sogar Titania trägt eine Hose. Und die anderen Puppen, also alle außer denen für die eigentlich jungen Leute, sind alt, die für Pyramus und Tisbe sogar 200 Jahre. Lennart Morgenstern führt deren Geschichte mit subtilster Komik vor und gibt dem Affen dennoch eine Menge Zucker mit. Sein Zettel ist eine weitere Klammer der Aufführung, will am Anfang den Löwen spielen und träumt am Ende berührend im dunklen Wald vom eigenen Traum. Und ist zwischendurch hauptsächlich – Esel.

Last, but not least: Natürlich spielt auch Corona mit. 60 Zuschauer pro Vorstellung darf das Puppentheater hineinlassen – statt den ursprünglich geplanten 130. Sie sitzen auf aus Europaletten eigens angefertigten Zweiersofas, die wenigen Einzelgäste auf Stühlen drumherum. Es gibt sogar eine Pause, in der am Platz Getränke serviert werden. Der Theaterbesucher bekommt also schon fast überraschend viel Normalität geboten, und das angenehm freundlich und bescheiden. Im Spiel wird mit witzigen Anspielungen auf Desinfektionszwänge, Abstands- und Maskengebote nicht gegeizt, und zwar erfreulicherweise in schöner, nicht bedeuten wollender Leichtigkeit. Und es wird betont, dass hier und jetzt das Puppentheater ein großes Pfund hat, mit dem es wuchern kann und soll. Zwar kommen sich Zettel (in dickem Pullover und Eselvollmaske) und Titania deutlich näher als ein Meter fünfzig, aber nicht so nahe, wie es den Puppen der Liebenden möglich und erlaubt ist. Der dem Puppenspiel innewohnende, selbstverständliche Umgang mit Distanz überbrückt gerade im Corona-Zusammenhang nahezu jeden Abstand, sowohl räumlich als auch emotional. 

Von dieser Warte aus betrachtet wirkte es eher wie ein Hoffnungsschimmer denn eine Regelübertretung als sich einige beim Verbeugen fast schüchtern mit den Händen berührten. Als der Applaus minutenlang nicht enden wollte. Verständlicherweise.

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