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Der ganz normale Wahnsinn

Salvatore Sciarrino: Lohengrin

Premiere: Theater: Berliner Staatsoper im Schillertheater
Regie: Ingo Kerkhof  Musikalische Leitung: Michele Rovetta   Foto: Thomas Jauck 
Von Barbara Eckle am 16.06.2014

Schauplatz des Wahnsinns ist wie so meist die krude, unspektakuläre Realität. Und so verzehrt er Elsa im Badezimmer bei gleißend weißem Licht, im Schlafzimmer vor braun geblümter beiger Tapete. Ganz gewöhnliche Räumlichkeiten, würde das Auge sagen. Aber Salvatore Sciarrino erfüllt die Luft darin in einer Weise mit Klang, als ließe er Elsas Inneres aus ihr heraustreten und mache es hörbar, spürbar, berührbar, Millimeter für Millimeter. Man hat keine Wahl: wohl sitzt man dicht gedrängt auf den Holzstufen der Werkstattbühne der Staatsoper und schaut auf ein Paar in einem Zimmer, befindet sich aber mitten in Elsas dérangierter Seele, und zwar von dem Moment an, als sie nach dem Verlesen des Prologs vom Schreibtisch aufsteht, und das Zimmer betritt, wo Lohengrin (Konstantin Bühler), der meist schläft und den ganzen Abend lang kein Wort sagt, im Bett liegt.

Beim ersten Einsatz der fragilen hohen Tremoli der Geigen, die wie Zikaden in der lauen Abendluft klingen, fühlt man sich sofort an die Stille zwischen Fürst und Fürstin Malaspina in Sciarrinos Oper „Luci mie traditrici“ erinnert, nachts im Schlafgemach, kurz vor dem Mord. Sciarrino malt nicht einfach Stimmungsbilder. Er bringt die postkommunikative Atmosphäre wie mit fluoreszierender Farbe zum Leuchten. Und: Er spricht. Mit einem ganz präzisen und nuancierten Klangvokabular, das sich durch sein gesamtes Oeuvre zieht. Auch hier, in seinem „Lohengrin“, mit dem die Staatsoper im Schillertheater in diesem Jahr sein Festival für neues Musiktheater „Infektion!“ eröffnet, ist die Kommunikation erstorben. Gedanken- und Gefühlswelt bündeln sich nicht mehr in real geäußerten Worten und Sinneinheiten, sondern erfüllen ungebremst den ganzen Raum mit einer inneren Sprache, die keine Grenzen zwischen Wort- und Klangbildung kennt. Bis auf vereinzelte Aufschreie bildet das Orchester (Mitglieder der Staatskapelle Berlin und der Orchesterakademie unter der Leitung von Michele Rovetta) einen Resonanzraum, ein Echo oder eine Verlängerung der Stimmklänge. Bisweilen simuliert es ein Atemgeräusch, so dass man sich Elsa noch näher wähnt und die Zerbrechlichkeit des Augenblicks wie am eigenen Leibe spürt.

In dieser „Unsichtbaren Handlung für Solistin, Instrumente und Stimme“ von 1982/84 stützt sich Sciarrino, der selber das Libretto zu seinem „Lohengrin“ verfasste, auf die Textvorlage von Jules Laforgue (1887), der den Lohengrin-Stoff parodierte. Das tut Sciarrino nicht. Er unterzieht den Text einem Selektions- und Reduktionsverfahren und vertauscht die Reihenfolge: Der Hochzeitsnacht folgt qualvolles Warten auf die Manifestation einer Vision. Die Schauspielerin Ursina Lardi (Elsa) befreit aus den Worten das gesamte Repertoire an stimmlich produzierbaren Lauten, als leuchte sie eine Höhle bis in den letzten Winkel aus. Sie wandern durch alle Register, Dynamiken und Farben, gurgeln, raunen, keuchen und mischen sich mit der ganz natürlichen Sprechstimme oder setzen ihr mit plötzlich sie durchfahrenden Schreien einen Kontrapunkt entgegen. In keinem Moment merkt man Lardi den Kraftakt an, der hinter dieser risikobehafteten Herausforderung steht.

Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegt sie sich in Ingo Kerkhofs angemessen reduzierter Inszenierung auf dem Terrain des Unbekannten, Ungewissen, Unerschlossenen. Ihr Mund wird zur Tür, die den Zugang zu einer namenlosen Seelensprache freigibt und sie verstehbar macht. Hier finden fiktive Dialoge mit Lohengrin statt, der sie in gespenstisch verzerrter, tiefer Stimme abweist und verschmäht, ihre Hüften zu mager findet, sich in den Schlaf flüchtet und vom weißen Kissen, das sich in einen Schwan verwandelt, davongetragen wird, worauf Elsa in galoppierenden Wahnsinn verfällt. Die Syntax zerbricht, die Semantik der Worte löst sich in irren Wiederholungen in Luft auf. Bedeutung ist nur noch im Klang zu finden, und der führt direkt in die Schreckenskammern ihres Traumas hinein. Beeindruckend und beängstigend zugleich ist vor allem, dass Lardi inmitten dieser Besessenheit immer ganz real, fast gewöhnlich wirkt. Jedes Bewusstsein davon, im Theater zu sein, geht verloren. Die 50 Minuten klingenden Wahnsinns erzählen mehr von der Wirklichkeit, als es jedes Drama könnte.

Neben der Leistung, die Ursina Lardi alleine auf der Bühne vollbringt, scheinen sich die obligaten, seichten Videoprojektion, die sporadisch hinter dem Vorhang vor sich hin flimmern, geradezu zu schämen. Und das sollten sie auch. Denn jede Ebene, die Elsa nicht mit ihrer Stimme berührt, verkommt zum überflüssigen Beiwerk, auf das Kerkhof in seiner wunderbar geräumigen, zurückhaltenden Inszenierung ansonsten verzichtet.

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