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Denn sie wissen nicht, was sie tun

Heinrich von Kleist: Der zerbrochene Krug

SchauspielPremiere: Theater: Deutsches Theater Berlin
Regie: Anne Lenk   Foto: Arno Declair 
Von Barbara Behrendt am 19.12.2021

Kein Zweifel: Dieser abgerissene, kahlköpfige Typ, der im Unterhemd auf einem Stuhl sitzt, muss der Täter sein. Ulrich Matthes sieht in seiner fleckigen Hose, dem Klumpfuß und den vielen Wunden im Gesicht aus, als säße er bereits als verdroschener Sträfling im Knast. Wer diesem zwielichtigen Gesellen über den Weg traut, der muss blind sein. Und so ist der Schreiber Licht (Jeremy Mockridge), der bei Gericht Protokoll führt, auch vom ersten Moment an misstrauisch. „So geht’s zu im Feuer des Gefechts“, kommentiert er augenzwinkernd bei der Begutachtung der Wunden.

Die Schauspieler werfen sich am Deutschen Theater Berlin die Pointen so zielsicher und rasant zu, dass es ein Genuss ist. Matthes fehlt das Derbe, Grobschlächtige, Feiste, Bäuerliche, das andere Schauspieler dem Richter Adam oft geben, die Aura des Genussmenschen und Lebemannes. Sein Adam ist ein selbstzufriedener Mann, dem gar nicht in den Sinn kommt, er könne Macht und Privilegien verlieren oder sogar angeklagt werden.

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Eine Parade-Stück über das Patriarchat

Kleists Lustspiel ist ein Evergreen auf deutschen Bühnen. In den letzten paar Jahren hat die Komödie um den Dorfrichter, der die junge Eve erpresst, vergewaltigt und dann über den Fall selbst zu Gericht sitzt, vor allem bei weiblichen Regisseuren Konjunktur. Kein Wunder, schließlich könnte man es als das Stück der Stunde zu Machtmissbrauch und #Metoo bezeichnen.

Mit Matthes’ Interpretation des Dorfrichters zeigt Anne Lenk nun ein völlig festgefahrenes Patriarchat, in dem die Mächtigen nicht mal mehr zittern – aus bestimmten Ämtern heraus lässt sich alles regeln. Vom Angstschweiß, der manch anderem Richter Adam auf der Bühne aus allen Poren quillt, ist hier nichts zu sehen – Matthes ist redegewandt, klug, selbstsicher und spricht die Kleist'schen Worte jovial und selbstverständlich. Denn so sehr er sich seiner Macht bewusst ist, so wenig ist er sich im Klaren über seine Schuld – eine psychologisch treffende Analyse, die auf viele Übergriffe zutrifft.

Eine intelligente Verschiebung der Regisseurin, die schon Molières „Menschenfeind“ vor ein paar Jahren einen feministischen Anstrich verpasst hat. Noch deutlicher tritt die Akzentuierung in der Rolle des Gerichtsrats Walter hervor – hier eine Gerichtsrätin, gespielt von Lorena Handschin. Eine patente, unbestechliche Frau, die ihre eigenen Verhörmethoden verfolgt. Als sie sich vom Richter Adam in der Pause ein Glas Wein einschenken lässt, geschieht das nicht als Zeichen der Verbrüderung, sondern, um ihn besser aushorchen zu können. Es braucht also, das legt diese Verschiebung nahe, die engagierte Frau außerhalb des Systems, die dem Patriarchat den Garaus macht und den Richter Adam, anders als bei Kleist, tatsächlich selbst vor Gericht stellt.

Unterhaltsame Gesellschaftskritik 

Das klingt konzeptionell überfrachteter als es ist: Die Szene ist hochkomisch, in der die Gerichtsrätin den Richter aushorcht – allein schon wegen Franziska Machens als biedere Hausfrau Marthe Rull mit strenger Brille, Föhnfrisur und Tupperdose, die sich slapstickhaft den Wein der Gerichtsrätin angelt.

Ein bisschen zu viel des Guten ist da höchstens der zugespitzte Verweis auf den Kolonialismus, wenn Frau Marthe den zerbrochenen Krug beschreibt: „Ein Unikat und Zeugnis afrikanischer Handwerkskunst. Ursprünglich aus dem Volke der Herero. Kunstvoll verziert und handbemalt. Ein Erbstück von dem fernen Kontinent.“ Passend dazu sitzt das Ensemble in rot-orange verblichenen Anzügen aus dem 17. Jahrhundert in einer langen Stuhlreihe vor einem riesigen niederländischen Stillleben aus eben jener Kolonialzeit. Darauf ein bunter Papagei, Trauben, Austern, ein saftiger Schinken – die alte Zeit, in der die weißen Kolonialherren noch über Menschen in Asien und Afrika herrschten. So wie sie es über Frauen taten.

Das Schöne an der Inszenierung ist aber: Selbst wenn man all diese Verweise aufs Patriarchat, den Kolonialismus, auch auf den Sündenfall und die Antike, übersieht, erlebt man noch einen großartig gespielten, unterhaltsamen und klugen Theaterabend.

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