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Denkspiel

Ferdinand von Schirach: Gott

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Düsseldorfer Schauspielhaus
Regie: Robert Gerloff   Foto: Sandra Then 
Von Detlev Baur am 10.09.2020

Auf „Terror“ folgt „Gott“. Der Jurist und Bestsellerautor Ferdinand von Schirach war mit seinem ersten Theaterstück, das vor fünf Jahren Premiere hatte, beim Publikum extrem erfolgreich. Das Feuilleton konnte sich mit dem Gerichtsdrama nicht anfreunden, zu künstlerisch unambitioniert gestaltete von Schirach Figuren und Handlung. In den zahlreichen Aufführungen, die das Publikum zu entscheidenden Schöffen des Falles machte, wurde Theater da tatsächlich zum Diskussionsforum – während der Vorstellung und danach.

Unabgelenkt von ästhetischen oder darstellerischen Herausforderungen regte „Terror“ zu inhaltlichen Gesprächen an. Das gelungene Grundrezept der juristischen Diskussion über einen konkreten Fall, der auf ein grundsätzliches philosophisch-politisches Problem hinweist, hat der Autor nun auch auf „Gott“ übertragen. Die Premiere war wieder eine doppelte; zeitgleich am Berliner Ensemble statt (in der Regie von Oliver Reese, der bereits „Terror“ in Frankfurt co-uraufgeführt hatte) und am Düsseldorfer Schauspielhaus, in der Regie von Robert Gerloff. Schwerwiegender als die halbjährliche Verschiebung durch die Corona-Zwangspause ist für das Stück das Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Februar. Denn darin ist die zentrale Frage des Stücks beantwortet. „Geschäftsmäßige“ Hilfe bei der Selbsttötung ist demnach legal, das bedeutet, dass ein Arzt seinem Patienten ein tödliches Medikament geben darf, denn jeder Mensch, so das Gericht, habe ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben.

Ausgangspunkt ist diesmal der 78-jährige Richard Gärtner. Er ist gesund und mental stabil, hat Kinder und Enkel und will dennoch unbeirrbar seit dem Tod seiner Frau Suizid begehen – mit legaler Hilfe eines Arztes. Vor einem Ethikrat wird die Frage nun juristisch und ethisch diskutiert. Der äußere Anlass und die konkrete Fragestellung an den Ethikrat inklusive abstimmendem Publikum ist durch die nach dem historischen Urteil notwendig gewordenen Texteingriffe ein wenig unklar geworden. Zum einen wird diskutiert, was bereits entschieden ist; zum anderen soll das Publikum am Ende rein ethisch entscheiden, wie im konkreten Fall als Arzt zu entscheiden wäre (zu Beginn), und ob grundsätzlich ein gesunder Mensch Gift vom Arzt bekommen können sollte (am Ende). Juristisch-dramaturgisch hat „Gott“ also gewisse Schwächen.

Eine weitere Schwäche gegenüber „Terror“ ist, dass die zentrale Figur (dort der angeklagte Luftwaffenpilot, der eigenmächtig einen Terrorflug mit unschuldigen Zivilisten abschoss) in „Gott“ zwar den Ausgangspunkt darstellt, aber als Figur nur Katalysator für die folgenden Diskussionen ist. In der Düsseldorfer Uraufführung ist Wolfgang Reinbacher coronakonform ausschließlich über Videoeinspielung präsent. Die anderen Akteurinnen und Akteure verteilen sich auf einer Plattform mit Stühlen und zwei Tischen (Bühne: Maximilan Lindner), die von den „Anwälten“ beider Positionen besetzt werden: Cathleen Baumann spielt Gärtners Rechtsbeistand. Sie fällt durch schnippische Einwürfe und geistreiche Befragungen auf, während ihr Gegenüber, ein Mitglied des Ethikrates, von Friederike Wagner eher zurückgenommen gespielt wird. Auch die anderen Figuren, wie die die Juristin Litten (Hanna Werth) als Sachverständige, die Vorsitzende (Judith Bohle) und Gärtners Hausarzt (Florian Lange) glänzen nicht durch charismatisches Spiel, vielmehr konzentrieren sie sich im Sinne des Dramas auf Faktenlage und Argumentationen. Andreas Grothgar deutet als Sachverständiger von der kassenärztlichen Vereinigung eine eher (unsympathische) Type an und spielt so farbiger, aber nicht unbedingt im Sinne des puristischen Dramas. Gute und fundierte Argumente machen die besondere Qualität des Stücks aus – und stehen in medial verwirrten Zeiten für eine bemerkenswerte, gesellschaftlich wertvolle Diskursform. Und im argumentativen, antagonistischen Austausch entwickelt das Stück seine bemerkenswerte Qualität: die gesetzgeberische – im Detail von der Regierung noch zu klärende – Frage um aktive Sterbehilfe führt die dialogischen Duelle zur Frage nach dem Wert des Lebens, der Autonomie des Menschen und somit zur Frage nach der Existenz eines Gottes. So dramaturgisch unspektakulär und für Regie und Schauspieler wenig reizvoll das Nacheinander der Diskussionsrunden ist, dieses Denkspiel bietet insgesamt deutlich mehr als ein polyperspektivischer Vortrag zum Thema. Und deshalb kann auch „Gott“ wieder zu einem auf den Bühnen erfolgreichen Diskussionsdrama werden.

Robert Gerloff und Simon Hegenberg (Video) deuten durch Videozwischenspiele einen über die Stückvorlage hinausweisenden emotionalen Zugang an: Stimmen von Gärtner und von den anderen Figuren aus der vorangegangenen Szene werden da traumgleich mit Bildern des Protagonisten oder aus der jüngeren Rechtsgeschichte verbunden. Die dialogisch-geistige Durchdringung des Themas in Stück und Düsseldorfer Uraufführung funktioniert weitgehend puristisch. Was die Videos andeuten, ließe sich aber weiterdenken zu einem chorischen Theater, das argumentativ und emotional die Frage nach der Autonomie des Einzelnen im anschaulichen Kollektiv verhandelt. Im Düsseldorfer Ensemble gelingt es besonders Thomas Wittmann als Bischof den Funktionär und den betroffenen Menschen gleichermaßen zu spielen. In seinem emotionalen Schlussplädoyer plädiert der Theologe für die Akzeptanz eines leidbewussten Lebens. Trotz der Ausgewogenheit der Positionen in „Gott“ entschied sich das Premierenpublikum mit 50 gegen 17 Stimmen ziemlich klar für die Unterstützung beim Freitod. Viele weitere Diskussionen werden folgen.

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