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Defizitäre Weltschau

NOVOFLOT nach Gustav Mahler: Das Lied von der Erde

Premiere: Theater: Stummfilmkino Delphi
Regie: NOVOFLOT  Musikalische Leitung: NOVOFLOT   Foto: NOVOFLOT/Falko Siewert 
Von Matthias Nöther am 14.10.2018

Das freie Berliner Musiktheaterkollektiv NOVOFLOT wird 15 Jahre alt. Mit dem „Lied von der Erde“ von Gustav Mahler widmet es sich zum zweiten Mal – nach Bachs Weihnachtsoratorium – einem Werk des traditionellen Konzertrepertoires. NOVOFLOT macht es seinem Publikum nie einfach. Auch diesmal sind die Assoziationen vielfältig und verrätselt, haben jedoch ihren Fokus in einem neuen Buch der US-Philosophin Donna Haraway, das auf Deutsch kürzlich unter dem Titel „Unruhig bleiben“ erschienen ist. Haraways Zukunftsszenario ist von Menschen bevölkert, die in einen techno-biologisch raffinierten wie innigen Kontakt mit Tieren, Pflanzen und Robotern treten und sich nicht länger als Krone und Zentrum der Schöpfung begreifen. Der Link zu Mahler ist intelligent, kritisch und lässt sich mit einem fein austarierten Musiktheater-Zugriff nicht zuletzt musikalisch versinnlichen. Weniger geht es um Mahlers eigenes reiches und utopisches Bild von Natur – eigentlich schade – sondern um das Defizit seiner Weltschau im „Lied von der Erde“. Mahler kreiste bekanntlich in Sachen Lieben, Arbeiten und damit im Menschsein allgemein ziemlich um sich selbst (und machte damals und heute damit keine Ausnahme). Und so ist sein „Lied von der Erde“ zunächst einmal ein Lied der Menschen über die Erde – die Natur ist stets Spiegelbild der eigenen Seele, den Tieren und Pflanzen wird kein Für-Sich-Sein zugestanden. 

Dennoch: Durch seine aufrichtige Aneignung dessen, was damals an altchinesischer Dichtkunst in Europa aus zweiter oder dritter Hand verfügbar war, macht sich auch Mahler auf die Suche nach dem Einklang von Mensch und Welt und steht somit auf dem Grad, weg vom Menschen als Mittelpunkt des Kosmos, hin zu einer radikal nach Plotin bis Schopenhauer gedachten pantheistischen Weltsicht.

Diesen Grad macht NOVOFLOT über achtzig Minuten hinweg deutlich und balanciert auf ihm – im ehemaligen Berliner Stummfilmkino Delphi (heute: Theater im Delphi), das kürzlich durch die Dreharbeiten zur Serie „Babylon Berlin“ auch bei Nicht-Theaterfans bekannt wurde. Das Publikum sitzt in jeweils zwei engen Holzstuhlreihen links- und rechtsseitig des leergeräumten Saals und erlebt eine Collage aus Buchzitaten, Filmsequenzen, Livemusik und fulminantem, bewusst spröden Mahler-Gesang der charismatischen norwegischen Neue-Musik-Sängerin Tora Augestad. Die eigentliche Mahler-Musik wird zunächst ziemlich querständig durch die Tänzerin Ichi Go eingeführt, der das große sinfonische Werk aus ihren Kopfhörern zu Ohren dringt und die, ohne den Sinn der Worte zu verstehen, die Lautklänge des anfänglichen „Trinklieds vom Jammer der Erde“ als Deutschlernende aus fremdem Kulturkreis mitvollzieht. Die rustikalen Einwürfe des Blasorchesters Köpenick erinnern durchaus an die militärischen Mahlerschen Fernorchester, eine schlagende Idee: Es ist das, was als menschliche Äußerung übrig bleibt, wenn der Mensch mit einem so naiven Blick betrachtet wird wie unsere Rasse vermutlich Tiere und Pflanzen anschaut. Gambe, E-Gitarre – in die auch hineingesungen wird – und Miniklavier tilgen die letzten Spuren des spätromantischen Klangapparats, der ja doch nur ein weiteres Symbol des Größenwahns des Menschengeschlechts ist. Eine keinesfalls langweilige Aufführung, die an etlichen Stellen jedoch ein Maß voll gedanklicher Schnörkeleien weniger haben könnte.

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