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Das Vakuum aufsaugen

Toshiki Okada: The Vacuum Cleaner

StreamPremiere:  (UA)   Theater: Münchner Kammerspiele
Regie: Toshiki Okada   Foto: Julian Baumann   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Barbara Behrendt am 28.03.2020

Eines der vielen bedauerlichen Dinge in Zeiten der Corona-Krise ist die Absage des Theatertreffens. Kleiner Trost: Die geschlossenen Theater setzen auf digitale Angebote – und so zeigen die Münchner Kammerspiele auf ihrer Website für 24 Stunden nun jene Inszenierung, die im Mai beim Festival gezeigt worden wäre: „The Vacuum Cleaner“ des japanischen Regisseurs Toshiki Okada. Okada hat den Text in seiner Muttersprache geschrieben, gespielt wird auf Deutsch. Der Titel „The Vacuum Cleaner“ ist also ein bewusst gewählter Anglizismus. Anders als „Staubsauger“ ist er eine Metapher mit doppelter Bedeutung. Ein Gerät, das ein Vakuum, eine Leere reinigt oder aber beseitigt. Ein schönes und treffendes Wortspiel für diesen Abend.

Okada nimmt uns mit in das Haus einer japanischen Familie und zeigt uns deren Alltag – keine Menschen, die zur Arbeit gehen und abends gemeinsam essen. Stattdessen eine Familie, die längst an der hyperkapitalistischen Welt, ihren Leistungsansprüchen und dem eigenen Unvermögen, zu kommunizieren, zugrunde gegangen ist. Auf der Bühne von Dominic Huber drei Zimmer in Rechtecken übereinander: papierne Wände, Schiebetüren, dunkle Holzbalken. Sehr japanisch. Oben lebt die 50jährige Tochter, gespielt von Annette Paulmann, die seit 30 Jahren weder gearbeitet noch das Haus überhaupt verlassen hat. Eine „Hikikomori“, von denen es in Japan rund eine Million geben soll. Im unteren Zimmer lebt ihr 80jähriger Vater, der über solche zivilisatorischen Errungenschaften wie Kaffee mit Erdbeeraroma sinniert und kein Gespräch mit seiner Tochter zustande bringt. Die Mutter ist längst verstorben. Unten lebt auch der Sohn, bzw. Bruder, der jeden Morgen vorgibt, brav zur Arbeit zu gehen – stattdessen sitzt er stundenlang auf Bänken in Shoppingmalls oder Parks. Ohne Kaffeebecher, das wäre zu teuer. All diese familiären Zusammenhänge bekommen wir vom Staubsauger des Hauses erzählt, eine Art Home-Psychiater, der den Figuren einziger Ansprechpartner, Ratgeber und Trost ist.

Ihn gibt Julia Windischbauer in spaciger Glitzerhose und giftgrünem Pullover – nur ihre Worte und ihre Körperlichkeit verraten ihre Staubsauger-Identität. Sie trippelt wie ein Roboter, schwingt die Arme, ihre Finger machen Knet- und Saugbewegungen. Wenn sie in Betrieb ist, singt sie eine Staubsauger-Arie inklusive aller Blas- und Sauggeräusche. Grotesk-komisch.

Dieses Spiel mit Gesten, mit Physis versus Sprache, ist Teil dessen, was Okada so weit über die Grenzen Japans hinaus berühmt gemacht hat. Oft sind seine Arbeiten streng stilisiert, erinnern in der Körperlichkeit mitunter an das traditionelle japanische Nō-Theater: tänzerische Bewegungen, die nichts mit realistischem Schauspiel oder psychologischem Theater gemein haben. Der Körper führt ein Eigenleben, geht nicht mit den Worten synchron, hat seinen eigenen Rhythmus. Die Diskrepanz zwischen Körper und Sprache haben freilich schon viele Regisseure in den vergangenen Jahrzehnten aufgegriffen, sie ist elementarer Teil der Postdramatik – wo der Text weniger gilt als das, was der Körper erzählt. Trotzdem kann dieses Spiel in Okadas Arbeiten einen eigenen Reiz entwickeln, wenn eine rhythmisch-gestische Choreographie entsteht. Diesem Abend allerdings geht der Rhythmus völlig ab, die Schauspieler illustrieren schlicht ihre Worte mit großen Gesten – mal mehr, mal weniger konsequent, manchmal gar nicht. Es wirkt unentschieden, inkonsequent.

Doch man muss klar sagen: Dies ist nicht die Beurteilung einer Inszenierung, sondern der Aufzeichnung einer Inszenierung. Vieles von dem, was Kritiker an diesem Abend gelobt haben, ist schwer auf den Bildschirm zu übertragen. Etwa die Wirkung der Langsamkeit. So gut wie nichts geschieht in den gut anderthalb Stunden, es wird lediglich der Körper gymnastisch verrenkt und viel geredet – über substanzielle Dinge: Wut, Schuld, Selbstverletzung. Über die Sinnlosigkeit des Alltags, die Einsamkeit der Menschen, die im Leistungs- und Konsumsystem abgeschnitten voneinander leben. Die Poesie und Zärtlichkeit, Okadas Humor, sind über den Bildschirm nicht zu spüren. Im Gegenteil: Die Aufzeichnung wirkt eher ermüdend.

Das Video bleibt also ein schwacher Ersatz für das Gastspiel beim Theatertreffen. Toshiki Okada sollte man bei dieser Bestenschau als prominente ästhetische Stimme durchaus einmal vorstellen. Ob allerdings gerade der „Vacuum Cleaner“ mit seinem unmotiviert und ziellos wirkenden Spiel zu Okadas besseren Arbeiten zählt, darf man dennoch bezweifeln.

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