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Das goldene Recht

Aischylos / Walter Jens: Die Eumeniden

SchauspielPremiere: Theater: Anhaltisches Theater Dessau
Regie: Christian von Treskow   Foto: Claudia Heysel   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Joachim Lange am 31.10.2020

Das Anhaltische Theater hatte Glück im Unglück. Ganz knapp vor dem bevorstehenden November-Lockdown ging die jüngste Schauspielpremiere in Dessau gerade noch rechtzeitig über die Bühne.

„Die Eumeniden“ sind ein Angebot des Aischylos (525 v. u. Z.  bis 456 v. u. Z.) für die Zukunft. Von heute aus gesehen ist der dritte Teil seiner „Orestie“ eine Art Grundsteinlegung für Demokratie und Recht und fürs abendländische Selbstverständnis. Ein Theaterstück, bei dem es also ums Grundsätzliche geht. Eins, das auch als solches noch immer funktioniert. Zumindest, wenn man es so verdichtet und unaufdringlich vergegenwärtigt, wie es Regisseur Christian von Treskow in der Bearbeitung von Walter Jens gelungen ist.

In dem überdimensionierten Dessauer Zuschauerraum mit den eigentlich durchgehenden Sitzreihen führt jetzt ein breiter Mittelgang durch den Saal zur Bühne. Hier schreitet Christel Ortmann zum Auftakt im weißen Gewand einer Priesterin entlang. Sie führt uns mit einem kleinen Monolog mit ausgestelltem Pathos und großer Geste in die Ordnung der Dinge ein. Macht aber deutlich, dass genau das ihr(e) Beruf(ung) ist. Mit einem Anflug von Ironie, der diese Priesterin jedoch nicht desavouiert. Bei dieser Haltung bleibt sie auch in der Rolle der Athene.

Den Orchestergraben hat Bühnenbildnerin Nicole Bergmann so überbaut, dass die Erinyen hier wie in die Unterwelt abtauchen können. Von hier kämpft sich auch Nicole Widera im taffen Kostüm einer Geschäftsfrau von heute als Schatten Klytaimnestras nach oben und taumelt über die Szene. Ganz hinten, hinter einem großen Gitter, tummelt sich der Musiker Jürgen Grözinger in der Höhe mit seinem Schlagwerk und sorgt von dort ziemlich passgenau für ein atmosphärisch archaisches Grundrauschen zum hohen Ton. Davor türmt sich eine trümmerartige Quaderlandschaft. Hier lagern zunächst die Erinyen. Hier können aber auch Athene oder Apoll effektvoll thronen. Als Göttin trägt Christel Ortmann fließenden Goldlook. Sie raucht gelegentlich demonstrativ selbstbewusst. Auch Tino Kühn als Apoll ist so ein Goldjunge. Mit Aktenkoffer – schließlich jobbt er als Anwalt für Orest und als Zeuge der Verteidigung. Schließlich hatte er ihm den Rachemord an der Mutter eingegeben und gibt das auch zu.

Die phantasievolle Gothic-Opulenz (Kostüme: Kristina Böcher) von Yevgenia Korolov und der von ihr angeführten sieben Erinyen (die Damen vom Dessauer Chor wechseln höchst souverän zwischen Sprech- und „richtigem“ Gesang!) bilden dazu einen eindrucksvollen Kontrast. Von beiden hebt sich Orest in seinem Business-Anzug wie ein exemplarischer Mensch von nebenan ab. Einer, der sich in einem notorischen Dilemma befindet. Hat er doch seine Mutter Klytaimnestra erschlagen, um deren Mord am Vater Agamemnon zu rächen. Andreas Hammer spielt ihn mit Vehemenz und Leidenschaft in der Bedrängung. Und mit einem bedenklichen Maß an Selbstbewusstsein nach seinem Freispruch.

Bei seinem ersten Auftritt wäscht er seine Hände denn auch nicht in Unschuld, sondern in Blut. Für die Erinyen ist die Sache ziemlich klar. Sie wollen Blut sehen. Athene soll richten. Doch die Göttin schafft zunächst die Regeln. Ein Gericht aus Bürgern. Mit Zeugen auch für die Verteidigung. Mit Raum für Rede und Gegenrede. Im Fall Orest geht es schließlich um die Grundsatzfrage, was schwerer wiegt: ein Mord an einem nicht blutsverwandten Ehemann (wie Agamemnon) oder der an einer Frau, und sei es die eigene Mutter. Letztlich geht es in diesem Stück von Aischylos um nicht weniger als um die eine grundlegende Revolution, deren Ergebnis bis heute Bestand hat – den Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat.

Zu einem grandiosen Höhepunkt wird der Streit zwischen Apoll und der Chorführerin der Erinyen. Sie fallen sozusagen aus der Rolle und gehen aufeinander los, als wären sie im aktuellen US-Wahlkampf. Bei der Gelegenheit rekapitulieren sie den gesamten Kontext der diversen Familiengeschichten des mythologischen Atridengeschlechts im Schnelldurchlauf. Bis zum Urschleim zurück. Und dann noch mal als sportlich gedankliches Ping Pong der Stichworte. Das ist dosierter szenischer Witz, wohlplatziert!

Athene gelingt es dann sogar noch mit beharrlichem Appellieren, aus den rächenden Furien die friedlichen Wohlmeinenden zu machen, also die Erinyen zu den Eumeniden. Wenn nach dem Prozess Apoll zufrieden in der Versenkung und Orest erhobenen Hauptes und breitbeinig zwischen den Zuschauerreihen entschwunden sind, stattet Athene jede einzelne der umgepolten Frauen mit Strahlenkrone, Fackel und Gesetzestafel als Miss Liberty aus. Nach getaner Arbeit wendet sie sich von den Damen ab, dem Publikum zu und gönnt sich eine „Zigarette danach“. Nach einem erschöpften „So!“ verdüstert sich ihre Miene. Wahrscheinlich konnte sie von damals aus bereits in die Zukunft blicken. Also in unsere Gegenwart…

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