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Das Gebaren des Dachses

David Gieselmann: Villa Alfon

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Staatstheater Mainz
Regie: Christian Brey   Foto: Andreas J. Etter 
Von Björn Hayer am 15.01.2022

Wie schreibt man eine Groteske, wenn schon ihr Gegenstand Realsatire betreibt? Man haut am besten so richtig auf die Klamauktrommel. Zieht so lange alle Register des schlechten Humors, bis selbst die dümmsten Witze wiederum komisch anmuten. Dass dieses Unterfangen dann sogar noch auf verblüffende Weise gelingen kann, dokumentiert die Uraufführung von David Gieselmanns „Villa Alfons“ am Staatstheater Mainz. Es geht darin um nicht mehr und nicht weniger als um den wohl größten Wirtschaftsskandal der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte: die krummen Geschäfte von Wirecard.

Wie in einem Possenspiel präsentiert uns Regisseur Christian Brey die klischierten Akteure hinter der zuletzt kriminell operierenden Firma – darunter ein geldgeiler, aber kaum stressresistenter Vorstandsvorsitzender, ein der Unterschicht entwachsener und schon in Kindesjahren durch zweifelhafte Deals aufgefallener Decadent, eine sensationswitternde Journalistin, ein Typ fürs Grobe und – klar doch – ein Präsidenten eines Staates, den es gar nicht gibt, der aber auf allen Papieren des Hauses einen guten Eindruck hinterlässt. Wirbelt man dieses Ensemble nun kräftig durch die dunklen Kanäle der Finanzmarktbranche, gelangt man am Ende zu einer veritablen Luftnummer. Nachdem man mit falschen Zahlen das Unternehmen in die vorderste Liga befördert hat, fällt das Projekt wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Um diesen durch und durch kapitalismuskritischen Plot theatertauglich auf die Bühne zu bringen, bedient sich die Inszenierung konsequent der Mittel des wohl kapitalismuskritischsten Dichters überhaupt: Wie Bertolt Brecht es vorsah, ziehen sich die Darstellerinnen und Darsteller auf der Bühne um, müssen zum Amüsement des Publikums manchmal gar bis zu drei Figuren gleichzeitig mimen, wobei sie mit den aberwitzigen Perücken und Grimassen schon selbst durcheinander kommen. Schnell wird klar: Alles, wirklich alles ist hier Teil eines Spektakels, angefangen bei den Betrügern über die verschlafenen und nerdigen Bafin-Beamte im beigen Trenchcoat bis hin zu einer Gruppe von Abgängern der Otto Falkenberg-Schauspielschule, die zum Schluss noch das Personal einer asiatischen Bank mimen müssen.

Tief im Dachsbau

Dafür hat Anette Hachmann ein Bühnenbild geschaffen, dem man einen geradezu historischen Rang zuschreiben muss. Umgeben von glatten, steril-weißen und wohl dadurch an die gläsernen Oberflächen der Silicon Valley Economy erinnernden Wänden, befindet sich in der Mitte des Raums eine gigantische Dachsskulptur. Wenn das Ensemble eine ihrer slapstickartigen Gesangseinlagen mit Discokugel und Showlicht zum besten geben, leuchten dessen Augen. Bisweilen steigen überdies – symbolisch passend zur Fragilität der ganzen Wirtschaftschose – Seifenblasen aus dessen Schnauze.

Die Frage, wofür das Waldtier steht, lässt verschiedene Antworten zu: einmal natürlich für den Deutschen Leitindex „Dax“, zum anderen aber auch für den Schein, die Opulenz, die (wie das Ende des Stücks belegt) im Inneren vor allem eines preisgibt: Leere. Denn nachdem der Firmenchef geflüchtet ist, hat er sich buchstäblich in den Dachsbau zurückgezogen. Nun erblickt ihn das Publikum meditierend in der Innenkammer der bislang verdeckten Rückseite. In seinen Armen ruht ein weiterer Dachs, in den er wiederum einen weiteren stellt. Besser könnte es nicht sein, dieses überragende Bild für das Theater im Theater.

Getragen wird dieses so kurzweilige wie gallige Stück von einem wandlungsfähigen und außerordentlich schwungvollen Ensemble, bestehend aus Katharina Uhland, Lisa Eder, Monika Dortschy, Holger Kraft, Vincent Doddema, Klaus Köhler, David T. Meyer und Kruna Savić, das mit seinem Herumblödeln eine einzigartige Farce von Dürrenmatt’scher Brillanz zur Schau stellt. Gemeinsam mit der Inszenierung „Für immer die Alpen“, einem Werk über einen Hochstapler im Kontext Liechtensteinischer Steuerskandale, zeigt sich das Staatstheater Mainz in dieser Saison als Bastion eines komödiantischen, politischen Theaters, das mutig die zwielichtigen Coups einer entfesselten Ökonomie offenlegt.

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