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Bunker-Tristesse

Richard Wagner: Die Walküre

Premiere: Theater: Deutsche Oper am Rhein
Regie: Dietrich W. Hilsdorf  Musikalische Leitung: Axel Kober   Foto: Hans Jörg Michel 
Von Ulrike Kolter am 29.01.2018

Wenn Siegmund zum Ende des ersten Aufzugs seine schwesterlich-inzestuös geliebte Sieglinde in die Arme schließt und die vielzitierte Lenz-Begrüßung „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ anstimmt, geht die hintere Tür des rostgrünen Raumes auf und gibt den Blick frei – auf helle Nebelwolken in einem weiß zugemauerten Türrahmen. Wo Wagners Libretto „wachsende Helligkeit des Mondes“ vorschreibt, wird das Sehnen des Zwillingspaares in Dietrich Hilsdorfs Inszenierung kühl abgeschmettert: Alles nur Utopie, da führt kein Weg aus diesem Bunker.

Mit der „Walküre“ hat Hilsdorf den neuen „Ring“ an der Düsseldorfer Rheinoper fortgesetzt, nachdem sein „Rheingold“ vergangenen Juni Premiere hatte und „Siegfried“ bereits Anfang April folgen soll. Die Tetralogie also in den Händen eines künstlerischen Teams, anders als etwa in Chemnitz, wo Anfang Februar ein neuer „Ring“ startet, der von vier verschiedenen Regisseurinnen in Szene gesetzt wird. Den düsteren „Walküren“-Bunker hat Hilsdorfs bewährter Bühnenbildner Dieter Richter gebaut, mit Wänden, von Moos und Dreck bewachsen, einem großen Esstisch mit Karaffen und Kristallgläsern nebst Samtsofa, Waffenkisten als Sitzgelegenheiten – und der versteinerten Weltesche inmitten. Im zweiten Aufzug ist die Baumkrone zerstört, Fenster und Bühnendecke wachsen unmerklich in die Höhe – bis im dritten Aufzug ein zerschrammter Helikopter auf den Boden geknallt ist, aus dem die schmächtigen, gefallenen Helden für Walhall mit blutenden Brustwunden klettern. Kriegsversehrte sind sie, doch der Krieg scheint weit weg in dieser verrosteten Tristesse, wo selbst Nothung in Siegmunds Händen nur wie ein hölzernes Spielzeug wirkt, das er gelegentlich zurück in die Esche steckt. Renate Schmitzers stattliche Kostüme ergänzen, wie bereits im „Rheingold“, die zeitlose, hübsch anzusehende Gesamtkomposition.

Nachdem schon im „Rheingold“ oft mehr Figuren als im Libretto vorgesehen die Szenerie bereichert hatten, ergibt das auch in der „Walküre“ ganz amüsante Kammerspielszenen, wenn etwa im zweiten Aufzug Fricka und Wotan eigentlich allein um Siegmunds Rolle im Ehebruch streiten, dabei aber sowohl der betrogene Hunding als auch das liebende Paar (Siegmund und Sieglinde) neugierig mit am Esstisch sitzen. Stringent hält Hilsdorf das natürlich nicht durch, und im zweiten Aufzug entstehen einige statische Längen.

Dennoch führt er seine Figuren wie gewohnt profiliert durch den fünf-Stunden-Abend, das Ensemble ist mit einigen Abstrichen hervorragend besetzt: Hunding als gewaltbereiter Despot, mit dem Gewehr sich seiner männlichen Macht vergewissernd und mit schmierigen Gesten seine Frau unterjochend, wird von Sami Luttinen mit profundem Bass beglaubigt. Die Sieglinde der Elisabet Strid brilliert in allen Registern mit weichem, klarem Timbre und einer fast perfekten Artikulation, wenngleich sie, bereits ab dem zweiten Aufzug hochschwanger, zur szenischen Theatralik gezwungen ist (und das, wo ihr doch Brünhilde erst im nächsten Aufzug die heranwachsende Frucht im Leibe verkündet...). Corby Welch ist ein stattlicher Siegmund: etwas steif in seiner Leidenschaft zwar, ansonsten aber rührend bemüht um seine Sieglinde, verfügt er über eine ordentliche dramatische Höhe, hat in der Mittellage allerdings hörbare Schwächen. Eine formidable Leistung ist der Wotan des Simon Neal: kraftvoll, klar, mit brillantem Textverständnis – selbst in Bauchlage und mit ausgebreiteten Armen als gebrochener Mann vor Fricka liegend („Nimm den Eid!“). Seit 2013/14 wieder im Ensemble der Rheinoper und dort übrigens auch ums Opernstudio bemüht, überzeugt Linda Watson als eher sanfte Brünhilde; wie wenige hochdramatische Sopranistinnen verfügt sie über einen angenehm vibratoarmen, weichen Klang. Die Fricka von Renée Morloc ergänzt die sehr gute Ensembleleistung ebenso wie die acht Walküren.

Generalmusikdirektor Axel Kober versöhnt uns am Pult, nachdem das „Rheingold“ musikalisch einige Wünsche offengelassen hatte. Das Klangbild der Düsseldorfer Symphoniker ist hier weniger hölzern, sauberer, dynamisch lebhafter – dennoch fehlt einem Wagners dramatische Urgewalt in der Entwicklung von Spannungsbögen. Ein künstlerisch hochgelungener Opernabend, der das Wagner-Rad nicht neu erfindet.

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