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Boris in Rot

Modest Mussorgski/Sergej Newski: Boris

MusiktheaterPremiere:  (UA)   Theater: Staatsoper Stuttgart
Regie: Paul-Georg Dittrich  Musikalische Leitung: Titus Engel   Foto: Matthias Baus 
Von Klaus Kalchschmid am 03.02.2020

Ein junger, schlanker Mann, den perfekten Körper wie in Goldfolie geschweißt, als wäre er der Star einer Fetisch-Party: Wenn Adam Palka im Stuttgarter „BORIS“ die Bühne betritt, ist er als neuer Zar Boris Godunow Heilsbringer und Superman zugleich, während sein geschundenes Volk, die Ganzkörpertrikots von schwarzem Öl übergossen, ihm huldigt. Später trägt er Rot wie auch die in Lack- und Ledermäntel geschweißten Bojaren oder der intrigante Fürst Wassili Schuiski (Matthias Klink): als Nadelstreifen-Anzug, auf den zuerst roter Nerz, dann auch ein Kreuz und die mächtige goldene, edelsteinbesetzte Halskrause appliziert werden, die man von einem berühmten Gemälde aus dem 17. Jahrhundert kennt.

Spätestens beim Schlussapplaus konnte man die höchst originelle, eindrücklich charakterisierenden und ironisch auf traditionelle russische Kleidung anspielenden Kostüme von Pia Dederichs und Lena Schmid noch einmal in Ruhe bewundern. Sie drücken dem Abend einen ebenso starken und besonderen Stempel auf wie das (Dreh-)Bühnenbild von Joki Tewes und Jana Findeklee. Es sieht aus wie eine skelettierte Krone, in die eine Treppe, ein Mosaik aus der Zeit der Sowjetunion mit einem heldisch strahlenden Paar und ein von Chiharu Shiotas „The Locked Room“ inspirierter Thronsaal mit roten Wänden und einer üppig geschnitzten und vergoldeten Flügeltür eingefügt sind. Diese Krone könnte auch die stilisierte Ruine eines sozialistischen Bauwerks sein oder eine Art Karussell, über das ein schwarzer Ölteppich zu sein geflossen scheint oder Lava erstarrt ist. Bekrönt wird sie von einem kreisrundenden Band, auf dem den ganzen Abend über Videos unterschiedlichster Art flimmern und vom Geschehen darunter ablenken – das wahrlich kompliziert genug ist.

Denn das Produktionsteam hat sich nicht nur für den kantigen, dramaturgisch offenen Ur-Boris mit seinen (oft pausenlos gespielten) 135 Minuten entschieden, die mit dem Tod des wahnsinnig gewordenen Zaren enden, sondern in die eher lockere Szenenfolge als Prolog und Epilog sowie als sieben weitere Intermezzi eine insgesamt gut 60 Minuten dauernde Vertonung von Passagen aus Swetlana Alexijewitschs „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ eingefügt, zu denen der 1972 in Moskau geborene Komponist Sergej Newski, eine starke, mit eigenwillig dissonanter Aura auf Mussorgskis Werk reagierende Musik geschrieben hat. Sie beleuchten sechs Einzelschicksale von in Krieg, Vertreibung und Lager missbrauchten, ja gemordeten Menschen und werden von Nebenfiguren aus dem „Boris“ verkörpert: Die Sängerin des Zarewitsch Fjodor (Alexandra Urquiola) singt auch „Die Aktivistin“, seine Schwester Xenia (Carina Schmieger) agiert auch als „Die Geflüchtete“, Xenias Amme (Maria Theresa Ulrich) erscheint als „Die Mutter des Selbstmörders“, Grigori Otrepjew (Elmar Gilbertsson) ist „Der jüdische Partisan“, der auch als Kind (Ramina Abdulla-zadè) und alter Mann (Urban Malmberg) zu hören ist. Eine Schenkwirtin (Stine Marie Fischer) tritt als „Die Frau des Kollaborateurs“ auf und „Der Gottesnarr“ (Petr Nekoranec) kehrt immer wieder als „Der Obdachlose“. Teils singen diese Figuren aus den hell erleuchteten Proszeniumslogen, teils agieren sie auf der Bühne und fallen von einer Verkörperung jeweils in die andere.

Damit ergänzen diese Figuren aus dem 2013 erschienenen Buch aus der Perspektive einer „Geschichte von unten“ den schon bei Puschkin und Mussorgsky angelegten Blick auf Menschen aus der Mittel- und Unterschicht sowie auch auf Heranwachsende wie den Zarewitsch und seine Schwester, selbst wenn der Zar natürlich die zentrale Hauptpartie bleibt. Auch das in der Oper sehr präsente Volk – vom Stuttgarter Staatsopern-Chor wie immer exzellent, aber leider oft viel zu laut gesungen – kehrt als Kollektiv bei Sergej Newski wieder. 

Mannigfaltig sind die möglichen Assoziationen, die besonders beim reinen Hören – und gleichzeitigem Mitlesen des Textes – ein weites, beziehungsreiches Feld eröffnet hätten. Denn musikalisch funktioniert die Unterbrechung und Verknüpfung hervorragend: Newski findet nahtlose Übergänge zu den einzelnen Bildern der Oper, ja er fügt am Ende gar in die Todesszene von Boris ein Intermezzo ein, in der dieser dem jüdischen Partisan als Erwachsener und Kind zuschaut und -hört, während beide aus den Logen singen. Noch vor der Erzählung des Geschichtsschreibers Pimen (mit mächtigem Bassbariton und im Kostüm ein Kämpfer: Goran Gorić) scheint Boris plötzlich – im Wahn hellsichtig geworden – in die Zukunft zu schauen.

Verwirrend ist freilich, was anschließend geschieht. Denn der von Schuldgefühlen ob des Mordes am eigentlichen Thronfolger Gebeutelte stirbt nicht, sondern geht stolz, ein wenig eitel und hoch erhobenen Hauptes nach hinten und wird lebendig eingemauert von seiner eigenen Ikonographie. Das Personal aus „Secondhand-Zeit“ versammelt sich danach an der Rampe und singt bzw. spricht in einem „Finale mit Schlusschor“ in mehreren Ensembles vom Duett bis zum Sextett. Problematisch bleibt trotz ebenso sparsamer wie eindrücklicher, die Faktur mehrfach wechselnder Musik der große Textkorpus, der hier verarbeitet ist und oft gleichzeitig erklingt. 

Weniger wäre hier mehr gewesen, wie auch der erste Teil schlicht überfordert mit Bildern und rätselhaften Regieeinfällen irgendwo zwischen Abstraktion, Symbolismus und Realismus. Nach der Pause wird das von Regisseur Paul-Georg Dittrich konziser gefasst, die rotierenden Videos stehen nun Kopf und verdichten sich zu sowjetischem Leben in der Stadt und auf dem Land, werden immer schneebedeckter bis zur Szene des sterbenden Boris, dessen Kopf parallel dazu im Film vollständig in weiße Mullbinden eingewickelt und damit nicht nur blind und taubstumm gemacht, sondern gleichsam aus der Geschichte eliminiert wird. In der Gestalt von Adam Palka hat er sich dennoch ins Gedächtnis des Publikums eingebrannt. Und das feiert den Rollendebütanten zurecht frenetisch: Es mögen noch ein paar gebrochene Untertöne fehlen und auch darstellerisch wird der 36-Jährige zulegen, aber rein musikalisch war das eine reife Leistung mit einem in allen Lagen tragfähigen, ebenso schönen wie ausdrucksvollen dunkel getönten Bariton, zumal in der russischen Originalsprache, die der Pole aber vielleicht schon in der Schule gelernt hat. 

Rundum überzeugend und sehr differenziert tönte es auch aus dem Graben unter Leitung von Titus Engel: immer durchsichtig, nie zu laut, nie zu grob, sondern immer fein und scharf geschnitten und in den kammermusikalischen Begleitfiguren in „Secondhand-Zeit“ ebenso farbig wie präzise gefasst. Auch die sechs Sängerinnen und Sänger bewegten sich in dieser musikalischen Welt von 2019 ebenso sicher und gewandt wie bei Mussorgsky, 150 Jahre vorher.

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