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Blasse Maria

René Pollesch: Black Maria

Premiere:  (UA)   Theater: Deutsches Theater
Regie: René Pollesch   Foto: Arno Declair 
Stückinfos samt Trailer auf der Seite des Deutschen Theaters
Von Detlev Baur am 31.01.2019

Seit 20 Jahren arbeitet sich der rastlose Regisseur und Autor René Pollesch in einem unendlichen, theatral aufgedrehten Monolog an gesellschaftlichen Zusammenhängen ab. Selbstbestimmung in einer globalisierten Mediengesellschaft, Authentizität, Geschlechterrollen und zunehmend das Verhältnis von theatraler zu filmischer Repräsentation sind die Themen, die von überdreht ineinander salbadernden Darstellerinnen und Darstellern dem Publikum und der notwendigerweise mitsprechenden Souffleuse um die Ohren gehauen werden. Diese sisyphushaften Sprachspiele in Fußballspiellänge sind oft so erhellend wie komisch gewesen. Und sie waren oft Spielwiese großartiger Schauspielerinnen und Schauspieler, vor allem Sophie Rois und Martin Wuttke.

In „Black Maria“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters ist nun Astrid Meyerfeldt die Anführerin eines recht jungen Ensembles. Mit Franz Beil, Benjamin Lillie, Jeremy Mockridge und Katrin Wichmann spielt sie vor und um einen großen Kasten herum, der Black Maria, das erste Filmstudio der Geschichte in für diese kleine Bühne enormer Größe (die dem Original von 1893 nahe kommen könnte). Nina von Mechow hat den durch die Muskelkraft des Ensembles drehbaren Kasten mit Dachpappe verkleidet und bietet damit auch eine Projektionsfläche für im Raum gedrehte Live-Filme. Der Name des Studios, das mit geöffneter Dachklappe dem Sonnenlicht nachgedreht werden konnte, rührt übrigens daher, dass es „an die schwarz lackierten Gefangenentransporter,“ erinnerte, so erklärt das Programmheft,  „lahme Pferdekutschen, die man ‚Black Maria‘ nannte nach dem damals berühmtesten Rennpferd.“ Das klingt ganz interessant und ziemlich kompliziert.

Besonderen Witz und anregendes Sprechspiel entwickelt die Inszenierung dann auch nur bedingt. Weder erschließt sich die Verbindung zu frühreifen Filmproduktionsversuchen mit Anschlussfehlern zum gegenwärtig verblassenden weißen Mann noch die zwischen Fluchtbewegungen im Film und Menschen auf der Flucht im Jahre 2019. Von Franz Beil erfahren wir, dass das erste in der Black Maria verfilmte Theaterstück von Gertrude Stein stammte. Eine Szene des Films sei beschrieben gewesen: „People may come and go, party talk stays always the same.“ Eine fröhliche Reibung wie in manchen früheren Stücken schaffen Pollesch und das Ensemble über das wohl proportionierte Spiel im Kreis jedoch nicht. Der von Astrid  Meyerfeldt immer wieder postulierte Knacks, der an die Stelle von Drama und Tragödie getreten sei,  bleibt unsichtbar noch nicht hörbar.

Zunehmend werden Kommentare zum Filmdreh dann aus dem Inneren übertragen, durch eine zusätzlich vor dem Gebäude heruntergelassene Leinwand sind Theaterfilmszenen zu sehen, die den Bühnenraum seltsam spannungslos werden lassen. Astrid Meyerfeldts Furor als anfängliche Goldsucherin in Alaska (eine Spur, die im Wende verweht) bleibt richtungslos, manche Passagen des Ensemblespiels wirken fast wie aufgesagt – der innere Druck des zögerlichen und zugleich überhasteten Aussprechens im Pollesch-Kosmos scheint hier verloren. Lediglich Franz Beils fast stotternde Kämpfe mit dem Sprechen über seine Nichtigkeit entwickeln eine komisch leidende Gestalt. Insgesamt geraten die 90-Minuten langatmig und routiniert. Die komische Ansprache dieser Inszenierung von René Pollescht bleibt spannungslos.

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